Dienstag, 21. Dezember 2010

Musical Tenors - Theater Akzent, Wien

Gestern war es soweit. Gestern habe ich eines der besten Musicalkonzerte meines bisherigen Lebens erlebt. Ein kleines Wunder. Ich bin immer noch nicht fähig, wirklich in Worte zu fassen, wie gut mir die „Musical Tenors“ gefallen haben – mal abgesehen von ihrem Aussehen :) Mein Bericht könnte also eher ausufernd werden...

Um es anfänglich kurz zu machen: Il Divo hat Konkurrenz bekommen, Adoro kann einpacken. Denn die „Musical Tenors“ sind geschaffen, ein vielleicht klischeebesetztes Konzept, aber es funktioniert wunderbar. Vier sympathische, gutaussehende Männer mit großartigen Stimmen, perfekter Harmonie und Twist. Dieser Twist besteht in den neuen Arrangements (Mario Stork) und der Idee, verstaubte Musicalsongs wieder zum Leben zu erwecken und in neuer "Herrlichkeit" erstrahlen lassen. Vieles hat man noch nie so gehört. Vieles kann man ganz neu wahrnehmen, in sich aufsaugen und erleben. Einiges geht durch Mark und Bein und berührt das Herz ganz tief drinnen. Eine Erfüllung – anders kann man es nicht ausdrücken.

Nicht nur die attraktiven, neuen Arrangements haben den Songs neues Leben eingehaucht und waren deshalb die Besonderheit des Konzertes, sondern auch die Interpretation von Liedern, die eigentlich von weiblichen Darstellerinnen gesungen werden.
Das Programm war bunt gemischt und perfekt abgestimmt. Als das Konzert jedoch zunächst (nach einem wunderschönen „Limelight“ aus Eric Woolfsons „Gambler“) mit einem „3 Musketiere“-Medley begann, ahnte ich Schlimmes. Sollte es nun wieder nur eine Aneinanderreihung verschiedenen Medleys werden? Sinnlos und ohne Wertschätzung der Songs. Nein, sollte es nicht, denn nach Musketiere sang Mark Seibert gleich das erste Solo – „Draußen“ aus Disney’s Der Glöckner von Notre Dame. Mit viel Emotion performte Seibert, der in Wien fast Heimspiel hatte, diesen viel zu selten gesungenen Song. Viele seiner ehemaligen Kons-Kollegen gaben ihm an diesem Abend die Ehre und unterstützten ihren Freund im Publikum.

Mit Stock und Hut kamen dann wieder alle auf die Bühne und präsentierten „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ mit netter Choreo. Sehr „Boyband trifft Chorus Line“-synchron mit ein paar Verzerrungen und viel Spaß. Überhaupt wirkten die vier Tenöre die ganze Zeit so, als hätten sie jede Menge Spaß und das ist einfach schön zu sehen. Bevor es zu Patrick Stankes Solo kam, dessen Stimme übrigens an diesem Abend wirklich in Topform war, gab es noch einen „La Mancha-Block“ bei dem nicht nur „The Impossible Dream“, sondern auch einmal etwas Anderes, nämlich „The Man of La Mancha“, gesungen wurde. Eine gute Idee!

Am Klavier begleitete sich anschließend Patrick Stanke bei „Du warst mein Licht“, einem mir unbekannten Song, der mir sehr gefallen hat, selbst und bewies hiermit auch seine Songwriter-Qualitäten. Der erste Akt neigte sich dann allmählich dem Ende zu. Doch vorher gab es noch eine Flamenco tanzende „Maria“ – eine nette Idee, vor allem weil es sehr witzig in Szene gesetzt wurde – und ein wunderbares Phantom von Christian Alexander Müller, der bis dahin leicht hinter den anderen drei zurückgetreten ist. Müller WAR das Phantom in diesem Moment. Eine ergreifende Performance! Jan Ammanns Solo „Gute Nacht“ ist vielleicht ein wenig untergegangen, war aber dennoch berührend, weil er es für seinen einjährigen Sohn gesungen hat.

Eine weitere Überraschung des Abends war übrigens die Musical Tenors Fassung von „Memory“. Das Lied geht mir schon sehr auf die Nerven, aber hier konnte ich es wirklich genießen. Vier sprachig erstrahlte es ganz neu und ließ mich seine Schönheit wieder erkennen.

Mit welchem Song geht man in die Pause? Eine wichtige Frage. Bei den Musical Tenors hat man sich für „I believe in you“ entschieden. Ein grandioser Song, der hier so wunderschön interpretiert wurde, dass mir doch tatsächlich die Tränen gekommen sind. Plötzlich tauchte Lisa Antoni hinten im Saal auf und schritt singend auf die Bühne zu, die Stimmen der fünf harmonierten so gut miteinander, sodass ich mir wünschte, der Song würde nie enden.

An die Reihenfolge kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich bin nämlich irgendwie in die „Welt der Musical Tenors“ versunken und habe mich verzaubern lassen. Für irgendwelche Notizen habe ich absolut keine Zeit gefunden. Es ist eigentlich auch egal.

Nach der Pause ging es gleich mal mit dem passenden „The Show Must Go On“ weiter, das langsam in „Who wants to live forever“ überging und Christian Alexander Müller bei der nächsten Moderation dazu veranlasste an viel zu jung verstorbene Künstler zu gedenken, allen voran Steve Barton. Hier folgte anerkennender Applaus aus dem Publikum. Ein schöner Moment, denn er zeigte, wie sehr so ein unglaublich talentierter Künstler von vielen Menschen vermisst wird. Daraufhin sang Müller „Einsam sind alle Sänger“ – eine interessante, gute Wahl. Neben „Closer to heaven“, einem „Grease“-Medley, „Am Ende bleiben Tränen“, „Braver than we are“ und „The Shades of Night“ durften auch die anderen drei Tenöre noch je ein Solo performen. Patrick Stanke gelang ein fulminantes „Wie wird man seinen Schatten los“, Mark Seibert ein leises und sehr sanftes „Love of my life“ und Jan Ammann eine perfekte „Unstillbare Gier“. Richtig neugierig bin ich auf seine Interpretation des Vampiregrafen geworden, so verletzlich, agressiv, traurig hat er sich in der „Gier“ gezeigt. Es waren alle Facetten des Liedes unglaublich intensiv und gut ausgespielt. Purer Genuss! Ammann kam nach der „Heftigkeit“ des Liedes ein leises und erleichteretes „Puh“ aus, hier blitzte Menschlichkeit durch und machte das Ganze noch einmal erfahrbarer. Auch Lisa Antoni durfte noch einen Song performen, mit „A Change In Me“ aus „Beauty and the Beast“ überzeugte sie einmal mehr. In Oberhausen und Stuttgart durften Carin Filipcic und Roberta Valentini den Part der „weiblichen Unterstützerin“ übernehmen.

Andreas Luketa hat die perfekte Songauswahl getroffen. Das zeigt sich u.a. auch in einem Titel aus „Love never dies“ („Look with your heart“), "Closer to heaven” aus Gaudi oder „Braver than we are“. Schätze die man ausgraben sollte, und hier für die Musical Tenors ausgegraben hat. Nicht nur die Mischung aus Musical und Evergreens und die Zusammenstellung der Darsteller passten. Jeder einzelne „Tenor“ (nicht alle sind Tenöre) brachte auch seine Individualität ein und gab sich nicht nur bei seinen Soli ganz den Liedern hin.

Einziger kleiner Kritikpunkt ist vielleicht die etwas fehlende Spontanität, doch es gibt nun mal einen Ablauf der eingehalten werden soll und das ist auch gut so. Allerdings geht die Spontanität vor allem in den Zwischentexten ab. Sympathische und auch gut überlegte Anmoderationen schmücken das Konzert aus, doch ein bisschen „echter“ hätte es an manchen Stellen schon wirken dürfen. Die typischen Boygroup-Bewegungen durften hie und da natürlich auch nicht fehlen. Selten, aber doch ab und zu bewegten sich die Vier Tenöre am Rande der Lächerlichkeit, ließen das Ganze aber nie abdriften. Eine Prise Selbstironie dürfte der Retter gewesen sein. Für Choreographie und Regie zeigt sich Paul Kribbe verantwortlich. Erwähnt sollten vielleicht auch noch Marina Komissartchik am Flügel und Keyboard und Emilio Percan an der Violine werden. Was so ein schöner Geigenklang alles ausmachen kann…

Mit Weihnachtsmannmützen, die vielleicht sogar noch vom Borchert Besinnlich Konzert stammen, ging es dann in die Zugaben. „Save Your Kisses For Me“ bildete den amüsanten Abschluss, bevor die Zuschauer mit „Look with your heart“ in die schöne Winternacht entlassen wurden. Die Musical Tenors verließen den Saal schließlich durch die hintere Saaltür und verteilten dabei rote Rosen. Tja, was soll ich sagen…ich war eine Glückliche! :) Mark Seibert hat mir ein Rose überreicht und meinen unglaublich schönen Musicalabend perfekt abgerundet.

Eine Musical Tenors CD wird angeblich im Frühjahr produziert. Danke an sound-of-music concerts für die großartige Idee diese vier Männer gemeinsam auf der Bühne stehen zu lassen. Klischee hin oder her, es funktioniert und zwar mehr als gut.

Wer sich die vier feschen Herren mit nach Hause nehmen wollte, konnte dies mit einem Kalender tun. Meiner Meinung nach etwas zu viel des Guten, aber wenn die Marketing-Maschine einmal läuft…

Gesungen wurde (in ungefährer Reihenfolge):

- Limelight (Gambler)
- Heut‘ ist der Tag/ Constance/ Wo ist der Sommer?/ Engel aus Kristall/ Wer kann schon ohne Liebe sein (3 Musketiere)
- Draußen (Disney’s Der Glöckner von Notre Dame)
- Weil ich weiß, in der Straße wohnst du (My Fair Lady)
- The Impossible Dream (The Man of La Mancha)
- The Man of La Mancha (The Man of La Mancha)
- Du warst mein Licht (Powell, Urban, Luketa, Stanke)
- More Than Words (Extreme)
- Maria (West Side Story)
- Gute Nacht (Gomez, Hoff)
- Memory (Cats)
- Musik der Nacht (Das Phantom der Oper)
- I Believe In You (Elofsson, Magnusson, Kreuger, Plamondon)

Pause

- The Show Must Go On/ Who wants to live forever (We will rock you)
- Einsam sind alle Sänger (Klaus Hoffmann)
- Closer to heaven (Gaudi)
- Wie wird man seinen Schatten los? (Mozart!)
- Lisa Antoni: A Change In Me (Beauty and the Beast)
- Grease is the word/ Greased Lightnin’/ Mooning/ Those Magic Changes/ Rock’n’Roll Party Queen (Grease)
- Love of my life (Freddy Mercury)
- Am Ende bleiben Tränen (Bembo, Cassella, Hammerschmidt)
- Braver than we are (Tanz der Vampire)
- Die Unstillbare Gier (Tanz der Vampire)
- The Shades Of Night (Elisabeth)
- This is the moment (Jekyll Hyde)
- Save your kisses for me (Brotherhood of Man)
- Look with your heart (Love never dies)

Links:

Kommentare:

  1. Hallo Julia,
    danke für deinen schönen Blog zum Konzert in Wien. War toll zu lesen.
    Wenn du Lust hast, kannst du auch mal in meinem Blog zu Oberhausen bzw. Stuttgart störbern. Beim ersten Blog hab ich die komplette Set-Liste gepostet.
    LG, Jule

    http://nachtschwaermende.blogspot.com/search/label/Musical%20Tenors

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  2. Danke für den Link!

    Liebe Grüße, Julia

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  3. Hallo!

    Danke für deinen Bericht, da sind wir uns ja großteils einig. Nur über Jan Ammans Gier sind wir absolut geteilter Meinung, aber sonst wäre es auch fad, wenn alle das Gleiche denken würden. ;-)

    Liebe Grüße

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  4. Klingt nach einem wirklich tollen Abend.

    Ich wünsch dir schöne Weihnachten und gleich auch noch ein gutes neues Jahr!

    LG, Petra

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  5. Danke für diesen wirklich tollen Bericht! Die vier Tenors scheinen also auch in Wien sehr gut angekommen zu sein :)
    Ich selber habe zwei Shows in Oberhausen und eine in Stuttgart gesehen, weil ich nicht genug von ihnen bekommen kann *lach*
    Aber nach Wien zu fahren wäre dann doch zuviel des Guten gewesen...
    Ich freue mich jedenfalls auf die CD und auf hoffentlich weitere Konzerte im nächsten Jahr!

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  6. Hi Julia,

    hoffe, es war okay, dass ich die URL deines Berichts auf Facebook gepostet habe...jemand hatte eine Frage zu einem Lied und ich als Musical-Neuling konnte die nicht beantworten...da war dein Bericht natürlich ideal ;).

    Liebe Grüße
    Barbara

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  7. Kein Problem :) Danke!

    Frohe Weihnachten und liebe Grüße, Julia

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