Sonntag, 2. Dezember 2012

Chucky, die Mörderpuppe oder Das Phantom der Oper – konzertant


"Das Phantom der Oper" und ich sind nicht die allerbesten Freunde. Ganz ehrlich: Ich finde das Stück langweilig. Der erste Akt ist ein einziges Gähnen. Immer die ewig gleiche Leier. Andrew Lloyd Webber hat da ein paar schöne Melodien geschrieben, keine Frage, aber irgendwann hat man genug von der Wiederholung und dem durchgezogenen Singsang. Irgendwann geht es einem auf die Nerven, mir auf die Nerven.
Ich wusste schon auf was ich mich einlasse - glaubte es zu wissen - als ich mich gestern ins Ronacher zur „Geburtstagsfeier“ des VBW-Orchesters (25 Jahre) aufmachte. Zu Ehren des Orchesters wurde „Das Phantom der Oper“ konzertant aufgeführt mit Lloyd Webbers Segen im Nacken. Gegen das Orchester selbst ist auch nichts zu sagen – einwandfreie Leistung, in meinen Ohren.

Blickt man nun aber auf die Regie (Andreas Gergen) ist mir in zwei Punkten übel geworden. Da wäre zum ersten das Tanzpaar. Eine Personifizierung von Phantom und Christine bzw. deren Gefühlen. Wie auch bei den Videoprojektionen – auf die komme ich gleich zu sprechen – hatte Gergen (?) wohl hier das Gefühl etwas wettmachen zu müssen. Die Entscheidung ein Musical konzertant aufzuführen ist grundsätzlich keine falsche, denn ein Stück bekommt die Möglichkeit zu zeigen, ob es auch ohne Brimborium funktionieren kann. Bei einem Werk von Andrew Lloyd Webber, wo viel auf Effekthascherei aus ist, eine Herausforderung. Die VBW haben sie nur in Maßen gemeistert.
Das Tanzpaar begleitet das Stück von Anfang an, doch so schön die beiden (Emma Hunter und  Aleksandar Savija) auch tanzen und ihr Pas de Deux vollführen, so unsinnig ist es zur gleichen Zeit. Durch die Personifizierung der Gefühle wird den Schauspielern an Wirkung genommen und das ist eine Frechheit. Eine Frechheit den Schauspielern und dem Publikum gegenüber - den Schauspielern, weil ihnen damit eigentlich mitgeteilt wird, dass ihr Spiel nicht ausreicht und nicht zu vermitteln vermag, was in den Szenen wesentlich ist und dem Publikum, weil ihm die Fähigkeit der Imagination nicht zugetraut wird und es so als dumm verkauft wird. Die (angebliche) Symbolik des Tanzpaares ist für die Hunde, denn das Stück braucht sie nicht. Was zwischen Phantom, Christine und Raoul passiert, füllt im idealen Fall – wenn die Darsteller es vermögen ganz in ihre Charaktere einzusteigen – den ganzen Theatersaal. Die Luft um sie herum wird bedeutungsvoll und mysteriös. Doch in dieser Version kann diese „magische“ Luft gar nicht entstehen, man nimmt ihr die Entfaltungsmöglichkeit durch die Reduzierung dieser „Gefühlsfülle“ auf die Tänzer.
Die Imagination spielt im „Phantom“ eine wichtige Rolle. Genau das ist auch der Punkt, warum dieses Musical konzertant funktionieren könnte. Allerdings nur sofern dem Publikum eben jene Möglichkeit der Imagination gegeben wird. Es kann auf Requisiten und Bühnenbild – samt Luster – verzichtet werden, ja, sogar auf die Maske (obwohl mehr als zentral), aber dann bitte wirklich mit Selbstbewusstsein. Das heißt auch: weg mit den Projektionen und Tanzpaaren. All das braucht es nicht, sofern die Darsteller abliefern können, was von ihnen verlangt wird.

Kommen wir also nun auf die Videoprojektionen (fettFilm) zu sprechen. Ähem…also WTF? Lachhaft. Im Ernst. Lachhaft. Also da wäre zum Beispiel besagte „Chucky, die Mörderpuppe“. Chucky ist eine Projektion eines Kinderkopfes aus Stein (Mamor) mit übergroßen Glubschern, die zunächst noch geschlossen sind. Sie taucht auf als das Phantom seinen „Engel der Lieder“ singt (wenn ich mich richtig erinnern kann?). Okay, also was kann das bedeuten? Das Phantom ist immer noch in seinem kindlichen Ich stecken geblieben? Möglich. Etwas anderes fällt mir dazu nicht ein und ich bin mir nicht sicher ob das Publikum diese hochgegriffene Symbolik (??) kapiert hat. Nein, ich glaube nicht. Weg damit! Weg damit! – hätte ich am liebsten geschrien und: Wozu? Wozu?
Jeden Moment habe ich nur darauf gewartet, dass dieser schreckliche Kinderkopf seine Augen aufreißt und tatsächlich – Chucky ward plötzlich auferstanden. Gelbe Kugeln leuchteten einem da entgegen, eine Entwürdigung des Phantoms, eine Entwürdigung seines gesamten Wesens und seiner Gefühle, seines ganzen Seins. Als Christine dem Phantom die Maske vom Kopf reißt – hier muss der Zuschauer allerdings einmal seine Imagination einsetzen – zerfließt das Gesicht des Kindes. Und als das Phantom erkennt, dass Christine in Raoul verliebt ist und er verloren hat – am Dach der Pariser Oper – wird die Projektion des Mondes zu Chucky. Warum? WARUM?

Doch bei Chucky war es noch längst nicht zu Ende, die Kröte hüft vergnügt über die Leinwand als Carlotta ihren „Krötengesang“ loslässt, ein Elefant rumpelt im Fake-Bühnenbild der Oper zu Beginn über die Bühne. Alles ein riesiges Fragezeichen, Kopfschütteln und kurz: einfach nur unglaublich peinlich!
Einzig und allein die Dachszene und die Bootsfahrt sind gut gelungen und auch über den Luster-Sturz und das übermäßige Feuerwerk könnte ich hinweg sehen, wenn nicht alles vorher schon zunichte gemacht wurde. Eine Katastrophe. Videoprojektionen – sofern sie nicht wirklich gut gemacht sind und Sinn machen – sollten im Theater verboten werden. Leben wir in einer Welt, wo wir das unbedingt brauchen, wo sog. „Kreative“ glauben, dass man dem Publikum auch auf dieser Schiene – weil wir eben in einer technisierten Welt leben – etwas bieten muss? Ich glaube nicht, dass das Publikum Hilfe benötigt. Ja, wir Menschen sind fähig uns etwas vorzustellen, auch wenn es nicht da ist. Das ist doch eine unsere schönsten und reichsten Eigenschaften. Wir brauchen nicht alles auf dem Präsentierteller, nein wir können uns selbst Szenen und Bilder (aus)malen.

Aber „Das Phantom der Oper – konzertant“ der VBW hat auch etwas Positives an sich und zwar drei Hauptdarsteller, die ihr Handwerk verstehen: Christian Alexander Müller, Lisa Antoni und Oliver Arno. Alle drei vermögen es sich so in ihre Charaktere zu vertiefen, dass aus ihnen heraus eine Welt entsteht. Sie fühlen in sich und erzählen dadurch. Müllers vielschichtige Performance wagt sich in die Tiefen des Phantoms vor. Deswegen kann er auch ohne Maske spielen, er kann sie spielen. Das Phantom ist auch das eigentlich Einzige, was mich an diesem Musical fasziniert. Über seine Persönlichkeit, seine Geschichte, seinen inneren Zwiespalt und Kampf könnte ich lange reden und mich mit jemandem austauschen. Müller zeigt wie viel in diesem Charakter drinnen steckt, er eröffnet damit die Diskussion und deswegen wird der zweite Akt spannend.
Die Rolle der Christine ist mir eigentlich immer ein Rätsel gewesen. Hat sie einen Vater-Komplex? Wer ist für sie jetzt der „Engel der Lieder“ - ihr Vater oder doch jemand anderes? Warum fühlt sie sich so zu ihm (erotisch) hingezogen, wenn sie glaubt es sei ihr Vater? Antoni aber legt die Rolle auf ihre eigene Weise an und trifft klare Entscheidungen. Sie liebt Raoul wirklich und trauert ihrem Vater immer noch sehr hinterher. Das Phantom bleibt ein Mysterium, das ihr eine Welt eröffnet, in der sie sich nicht zurechtfindet, u.a. aus dieser Vater-Sehnsucht heraus lässt sie sich in diese Welt entführen – doch eigentlich bleiben hier immer offene Fragen. Lisa Antoni jedoch ist dem Phantom nicht allzu sehr verfallen, ihre Angst vor ihm und dem Ungewissen erscheint bei ihr größer als jede erotische Anziehung (oder was auch immer).

Oliver Arno ist ein Darsteller – und er zeigt es auch wieder als Raoul – der seine Charaktere immer auch in seinen Körper nimmt. Soll heißen, er steigt in den Charakter mit Haut und Haar ein. Er fühlt sich so in ihn hinein, dass sich daraus auch unweigerlich passende Körperbewegungen ergeben. Er nimmt den Charakter auch in seinem Körper auf. Mimik, Gestik und Bewegung werden von innen heraus beeinflusst und daraus ergibt sich eine Glaubwürdigkeit, die beeindruckt. Raoul ist jetzt nicht DIE Rolle – eigentlich etwas fad. Der Verliebte, der sich Christine zu Füßen wirft und sie von den Klauen des Phantoms befreien möchte. Es gelingt Arno aber das Maximale herauszuholen und so entsteht zusammen mit Müller und Antoni eine spannende Dreiecksbeziehung.
Die Schauspielleistung des Ensembles lässt allerdings zu wünschen übrig. Nur Carlotta und Piangi dürfen übertrieben spielen, was Siphiwe McKenzie und Emilio Ruggerio auch gut machen – der Rest aber sollte Menschen darstellen und nicht Text aufsagende Schauspieler. Michael Kargus und Michaela Christl als Monsieur Reyer und Madam Giry – soll das überzeugendes Schauspiel sein? Für mich klang es eher nachText aufsagen und das genügt nicht. Bei weitem nicht! Erwähnenswert vielleicht noch Lucius Wolter, Ramin Dustdar und Timo Verse, die wenigstens ein bisschen Leben in ihre Rollen und das Geschehen bringen…

Schön auch die (letzten Endes) eingebrachte Maske am Schluss des Stückes. Das macht Sinn und beendet das Stück auf würdige Weise. Was dazwischen lag…tja…eigentlich ein Fragezeichen - mit den Ausnahmen Müller, Antoni und Arno.

Link:

- Kritik auf "Musical Musing"

 

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