Freitag, 26. September 2014

[title of show] - Vienna Theatre Project - Theater Drachengasse


The Vienna Theatre Project has done it again. Off-Broadway-Musical in Wien – die Drachengasse ist der Ort dafür. Mit [title of show] (Music & Lyrics: Jeff Bowen, Book: Hunter Bell) kommen Musicalliebhaber wieder einmal voll auf ihre Kosten. Nicht nur weil es endlich wieder relativ neues Material zu sehen und hören gibt, sondern weil die Show eine Hommage an das Genre ist und beweist, dass so viel musicalisches „Unbekannteres“ da draußen herumschwirrt und nur darauf wartet inszeniert und gesehen zu werden. Dann gibt es einige wenige – doch Gott sei Dank immer mehr – Mutige, die es einfach wagen diesen Schritt zu gehen.
Dass [title of show] seinen Weg nach Österreich gefunden hat ist einfach wunderbar. Es ist ein Musical, das mir schon vor längerer Zeit ans Herz gewachsen ist. Einfach und anders und in seiner Einfachheit doch komplex und vielschichtig. Es macht Spaß, ist mal abstrus, mal verwirrend, doch immer herzlich und zutiefst menschlich. Der Grundstock einer guten Komödie sind die darunterliegenden tragischen Elemente, die meiner Meinung nach nicht zu kurz kommen dürfen, um alles Andere und Lustige erst zu ermöglichen. Joanna Godwin-Seidls Inszenierung ist nicht nur in dieser Hinsicht gelungen.

Die Premiere hatte ihre Anfangsschwierigkeiten, da die ersten Nummern leider wenig energetisch aufgeladen waren und so den Einstieg etwas erschwert haben. Doch langsam findet sich das Publikum im Stück wieder, was vor allem daran liegt, dass sich die Schauspieler immer mehr ihrer Spiellaune hingeben und dann einfach entstehen lassen. Wenn diese Ensemble-Dynamik ihren Weg findet, dann entsteht gute Energie, die sich sofort auf den gesamten Theaterraum überträgt, ihn erfüllt und den Zuschauer auf die Reise mitnimmt. Das Zusammenspiel der vier Darsteller gewinnt immer mehr an Leichtigkeit und macht [title of show] zu einem Theaterabend, den man nicht versäumen sollte.
Lynsey Thurgar als Susan. Eine Überraschung. Kennt man das Original Cast Album ist es zunächst vielleicht schwierig Susan Blackwells Charakterstimme aus dem Kopf zu bekommen, doch Thurgar bleibt standhaft und kreiert ihre eigene Susan. Thurgar beweist sich als eine Meisterin des comic timing und des trockenen Humors. Alles ist auf den Punkt und ihr „Die Vampire, Die!“ ist ein Highlight. Ebenso wie das vorhergehende Duett mit Nazide Aylin (Heidi). „What kind of girl is she“ – diese Nummer ist erschreckend ehrlich. Den Frauen im Publikum wird gewissermaßen der Spiegel vorgehalten, doch auf so unterhaltsame Weise, dass man sich zwar sich über sich selbst zu wundern beginnt, sich jedoch köstlich dabei amüsiert. Aylins Solo „A way back to then“ klingt anders als die restlichen Songs der Show, doch gewinnt dadurch an Tiefe. Ihre schöne Stimme findet in diesem Song eine wunderbare Möglichkeit der Entfaltung. Überhaupt bietet das letzte Drittel des Musicals eine interessante Wendung. Wo anfangs noch über das kreative Schaffen genörgelt und gewitzt wird, schlägt die Stimmung um und der Mensch steht sich auf andere Weisen im Wege. Die Luft ist raus und auch als Zuschauer muss man sich ebenfalls kurz fangen, um dann langsam in das Finale einzusteigen. Die Zeit wird schneller vorgespult und alles kumuliert bevor das Musical in einer Rückbesinnung auf das Anfängliche und Wesentliche endet. Ein schöngespannter Bogen, wie das Leben ihn spielt. Und das Beste: [title of show] lässt sich eben nicht von „Air Freshener“-Vampiren beißen, sondern ist gerade heraus – bad language inklusive und en masse. Herrlich!

Die männlichen Protagonisten werden von Alan Burgon und Oliver Watton gespielt, die [title of show] bis zum Schluss gut gemeinsam tragen. „Two Nobodies in New York“ fehlt leider die nötige Schärfe, aber langsam finden sich die beiden Darsteller in ihre Rollen ein. [title of show] ist der Inbegriff eines Ensemble-Musicals und das schließt auch Musical Director Birgit Zach ein, die sich ebenfalls schauspielerisch in das Gefüge einbringt – und zwar in jeder Minute. Keiner der vier (bzw. fünf) Darsteller hat viel Zeit sich auszuruhen, das Stück ist deswegen immer in Bewegung. Das Publikum hat ebenfalls – es gibt keine Pause – keine Möglichkeit sich zurückzuziehen oder durchzuatmen. Die Intensität des Stückes ist dadurch sehr hoch und man selbst beim Verlassen des Theatersaals aufgeladen – und zwar mit einer ganzen Palette an Gefühlen. Ein unterhaltsamer, menschlicher Abend mit mitreißender Musik.
[title of show] noch bis 11. Oktober im Theater Drachengasse.

Dienstag, 22. Oktober 2013

London Diaries: Pasek & Paul LIVE at the Hippodrome

Pasek & Paul LIVE? Kurz: Eines der besten Musical-Konzerte, die ich je erlebt habe. Das NYer Songschreiber-Duo, das letztes Jahr für seine erste Broadway Show „A Christmas Story“ für seinen ersten Tony nominiert wurde, ist momentan auf Europa-Tournee. Oslo, Paris, London,…und WIEN! Als ich erfahren habe, dass die beiden in meine Heimatstadt kommen und ich nicht da bin, habe ich mich unglaublich geärgert. Da muss man erst einmal wegziehen, bevor sich musical-mäßig so richtig etwas tut. Das Glück war allerdings dann doch auf meiner Seite und ich konnte Benj Pasek und Justin Paul gestern live im Hippodrome Casino erleben.

Ja, es ist „ERLEBEN“. Die beiden kommen auf die Bühne und die Verbindung zum Publikum ist sofort da. Sie lassen sie keinen Augenblick los, sondern kommunizieren mit Energie, Leidenschaft und einer enormen Portion Talent. Sie präsentieren ihre Songs mit so viel Hingabe und Emotion, dass es einen nicht mehr loslässt. Es fesselt und berührt. Wenn Benj Pasek sich in sein Solo hineinkniet (u.a. "Along the way" aus "Edges"), dass es kein Morgen gibt, aber es gleichzeitig so „klein“ daherkommt, weil es dem Gefühl des Songs entspricht, dann ist das ebenso besonders, wie wenn Justin Paul mit einstimmt, um gemeinsam als Heuschrecke und Marienkäfer (aus dem Musical „James and the Giant Peach“) über Verlust und Trauer zu singen oder über die Hoffnung, die einen weitertreiben lässt, auf dem Fluss des Lebens. Es sind Songs, die auf allen Ebenen funktionieren. So fein gesponnen, Musik und Lyrics wunderbar ineinander gewoben. Und was für Texte. Witzig, gefühlvoll, genial! Das kann man nicht beschreiben, das muss man hören.

Special Guests waren an diesem gestrigen Abend Oliver Tompsett, der mit „Do you remember?“ als Peter Pan den ganzen Saal in seinen Bann gezogen hat, aus Paris kam X-Factor-Teilnehmerin und Musicaldarstellerin Sarah Manesse, die gemeinsam mit Benj Pasek „First Date/Last Night“ aus dem Off-Broadway Musical „Dogfight“ performt hat (ein tolles Duett) und Lauren Varnham, die „Perfect“ aus „Edges“ zum Besten gegeben hat. Tja, und dann war da noch Willemijn Verkaik. Was gibt es da zu sagen. Sie wird zu Recht als Darstellerin um die Welt gereicht, von einer „Wicked“-Produktion zur nächsten (bald im West End). Wie sie sich innerhalb weniger Momente in die Situation des Charakters versetzt und so tief in sich hineingräbt, um von dort alles Notwenige für diesen einen Song herauszuholen, ist unglaublich. Vor allem „Pretty Funny“ (Dogfight) ist dadurch nahe gegangen als würde man sich selbst in der Situation befinden, Tränen inklusive. Auch „Caught in the Storm“ aus der Musical-TV-Serie „Smash“, für deren 2. Staffel Pasek & Paul ein paar Songs geschrieben haben, hatte es in sich. Verkaik war es auch, die das Konzert beschließen durfte, mit Publikum als Background-Chor. „Ready to be loved“ war ein wunderbarer Abschluss dieses fantastischen Konzertes. Doch meine Worte reichen nicht aus, um all das zu beschreiben, also:

1. Resttickets für das Pasek & Paul Konzert in Wien ergattern! Die neue Initiative zur Förderung des „Off“-Musicals in Österreich "OFFstage" hat dieses Konzert möglich gemacht. Großartig.

2. Einfach selbst hineinhören und -schauen. Und zwar u.a. hier.

Ein kurzes Gespräch nach dem Konzert hat es bestätigt: Die beiden sind ebenso sympathisch wie sie auf der Bühne wirken. Ihre Offenheit, ihre Freundlichkeit und auch ihre Dankbarkeit sind nicht nur in den Anekdoten während des Konzertes spürbar, sondern auch im persönlichen Kontakt. Sie begrüßen einen als würde man sich schon ewig kennen, bedanken sich fürs Kommen und entlassen einen mit einer Umarmung oder einem „High Five“. Lustige, überaus nette Zeitgenossen, diese beiden. Pasek & Paul – wer das Wien-Konzert verpasst ist selbst schuld!!

LINKS:

- Tickets für das Wien Konzert auf der Probebühne im Ronacher am 28. Oktober, HIER
- OFFstage Intitiative
- Pasek and Paul Homepage
- Highlights auf YouTube

Montag, 21. Oktober 2013

London Diaries: The Light Princess – National Theatre


Das National Theatre macht in den letzten Wochen viel von sich reden. Es feiert nicht nur sein 50-jähriges Bestehen mit einer Menge an Veranstaltungen – spannenden Theatre Talks oder Gesprächsrunden über die Zukunft des Theaters -, sondern hat auch dieser Tage einen neuen Künstlerischen Leiter ernannt, Rufus Norris. Wenn das nicht schon genug News wäre, feierte das Theater kürzlich auch die Premiere eines neuen Musicals. Sechs Jahre Arbeit des Creative Teams stecken in „The Light Princess“. Eine Märchenadaption von Samuel Adamson mit Musik von Tori Amos. Die Plakate hängen in der ganzen Stadt, die schwebende Prinzessin leuchtet einem immer wieder direkt ins Auge. Das Grafikdesign ist so bezaubernd, dass es mich förmlich ins Theater gezogen hat. Und beim Design (Rae Smith) bleibt es auch beim Musical.
Wenn man beeindruckendes Design-Spektakel, verzaubernde Bühnenbilder, Puppenspieldetails und wundersame Umsetzung von magischen Effekten sehen möchte, dann ist man an der richtigen Adresse. Erwartet man jedoch ein Musical mit Geschichte und Musik, die bewegen, unterhalten oder zumindest irgendwie tangieren, wird man höchstwahrscheinlich enttäuscht werden. Meine Erwartungen waren ziemlich neutral. Vorab habe ich Negatives und Positives gehört und gelesen und als Zuhörerin eines Theatre Talks mit Regisseurin Marianne Elliott (War Horse, The Curious Incident of the Dog in the Night-Time) erfahren, dass die Produktion jene in ihrer Karriere ist, auf die sie am meisten stolz ist. Letzteres große Worte, die meine Neugierde noch verstärkt haben.

Ein Musical muss nicht unbedingt „hummable“ sein, es muss keine Ohrwürmer enthalten, aber die Musik muss zumindest irgendeinen Reiz haben. Tori Amos, so leid es mir tut, hat in „The Light Princess“ leider grundliegend versagt. Da ist nicht viel da, nach einer gewissen Zeit hört sich alles gleich an, die Musik klingt bald nur noch langweilig. Dialogpassagen gibt es kaum, das Stück ist fast ganz „sung-through“, wogegen eigentlich nichts einzuwenden wäre, wenn eben alles andere stimmen würde. Die Songs bringen die dramatische Handlung, sofern es überhaupt eine gibt, nicht weiter und haben auch sonst nichts zu sagen. Das Buch von Samuel Adamson, der das schottische Märchen von George MacDonald für die Bühne adaptiert hat, stellt sich ebenso ungeschickt an. Sechs Jahre wurde an diesem Stück gearbeitet? Kaum vorstellbar. Die dürftige Story lässt sich in weniger als fünf Minuten erzählen: Die „leichte“ Prinzessin Althea hat sich nach dem Tod ihrer Mutter dafür entschieden, einfach für immer durch den Raum zu schweben und sich weder von Tränen noch von irgendeiner anderen Form von Trauer davon abhalten zu lassen. Die Verdrängung lässt sie schweben. Sie trifft auf den Prinzen des verfeindeten Nachbarlandes, Digby, und beide verlieben sich.  Sie wird schwanger und am Ende wird alles gut und die Familien versöhnen sich. Dazwischen gibt es noch eine nette Hofdame und einen komischen Vogel, sowie den Bruder des Prinzen und die beiden Könige. Das Konfliktpotential und damit die Dramatik streben gegen Null. Langeweile. Wirklich sympathisch ist die Prinzessin einen nämlich auch nicht. Sie nervt mit ihrem „Herumgeschwebe“, ihrer Ignoranz. Natürlich kann man sich jetzt in die Tiefe stürzten und irgendwo einen Sinn des Ganzen suchen, aber warum? Vielleicht gibt es auch keinen. Enttäuschend und schade um das viele Geld, das in diese Produktion geflossen ist. Denn auch die Schauspieler haben absolut keine Möglichkeit irgendwie zu berühren, da springt leider kein Funke über. Die Musik wirkt in manchen Momenten einfach nur störend und nimmt potentielle Momente der „Verbindung“ zum Publikum einfach weg. Ja, sie beraubt anstatt genau diese „Verbindung“ auf musikalischer Ebene herzustellen oder zu verstärken. Beim Verlassen des Theatersaales dreht sich mein Sitznachbar zu mir um und meint: „Clever!?“. Clever, aber nur was das Design und die Umsetzung der „Special Effects“ betrifft…

Mittwoch, 18. September 2013

Vorpremiere: Sweeney Todd - Volksoper


Der Frage, ob man überhaupt Vorpremieren rezensieren darf oder nicht, möchte ich mich hier nicht stellen. Doch da die Vorpremiere von „Sweeney Todd“  an der Volksoper im freien Verkauf war, also dem „Normalpublikum“ zugänglich, und ich meine Gedanken zu dieser Inszenierung auch zugänglich machen möchte, habe ich beschlossen, ein paar Worte darüber zu verlieren.
Grundsätzlich ist der Volksoper ein Lob auszusprechen, dass sie sich endlich Stephen Sondheim annimmt und dann auch noch den „dämonischen“ Barbier auf den Spielplan setzt. Mutig finde ich das durchaus und meine: Nur weiter so! Mit Matthias Davids wurde auch ein Regisseur gefunden, der etwas auf dem Kasten hat – wie man zuletzt in Linz bei der grandiosen Inszenierung von „Die Hexen von Eastwick“ sehen konnte. So und jetzt kommen wir auch schon zur Besetzung, dem eigentlichen Problem, das sich bereits im Vorfeld abgezeichnet hat und sich für mich letztlich auch bei der Vorpremiere bestätigt hat…

Ja, es ist verständlich bei fünf Musicalproduktionen in der gesamten Saison (beachtlich!) muss man als großes Theater- bzw. Opernhaus auf das Budget achten. Leider muss man anscheinend da ansetzen, wo man – meiner Meinung nach – auf keinen Fall ansetzen dürfte. Um nicht zu überziehen besetzt man aus den eigenen Reihen. Dann denkt man sich, dass man Sondheim und vor allem „Sweeney Todd“ mit Opernsängern besetzen kann, weil es ja perfekt passt. Aber nein. Es passt eben nicht perfekt. In der September-Ausgabe der „Bühne“ ein Zitat des Direktors Robert Meyer:

„In der Regel werden Musicals mit musikalisch begabten Darstellern besetzt, die auch singen können. Aber hier hört sich der Spaß auf! In diesem Fall wäre dies tollkühn. Hier trifft man – in dem Genre selten! – mit Opernsänger die richtige Wahl.“
Nein. Eben nicht. Und warum? Allererstens weil - und das kann man zwar nicht auf alle, aber doch auf einen Großteil anwenden – Opernsänger nicht schauspielen können, oder sagen wir es so, mit ihrem Schauspiel oft nur an der Oberfläche kratzen und nicht aus sich heraus spielen. „Sweeney Todd“ ist eines der Musicals, das in erster Linie gute Schauspieler braucht, um seine Genialität zu entfalten; natürlich mit der Voraussetzung Sondheims komplexe Partitur auch singen zu können. Zugegeben, die Volksoper macht in dieser Besetzungsriege nicht viele Fehler, aber die wenigen sind fatal. Anita Götz als Johanna und Alexander Pinderak als Anthony Hope sind ihren Rollen nicht gewachsen. Sie wirken alt, langweilig, oberflächlich. Götz‘ Johanna ist eine blonde Tussi, die nicht viel im Hirn hat und an deren Schicksal und Zukunft ich als Zuschauer kein Interesse hatte. Sie war mir egal. Ebenso Anthony Hope. Pinderaks „Johanna“ ist ganz gut gesungen, aber leider ist da nicht viel dahinter. Gerne denke ich an Stefan Bischoffs Solo am Stadttheater Klagenfurt zurück oder auch an die West End-Inszenierung bei der Luke Brady die Herzen des Publikums angerührt hat. Götz und Pinderaks Rollengestaltungen bleiben jedoch so an der Oberfläche, das sie nicht ergreifen. Sie erreichen mich nicht und dadurch geht viel verloren. Es sind ja nicht irgendwelche Nebenrollen, im Gegenteil. Doch auch Patricia Nessy, die vom Musical kommt, enttäuscht als Bettlerin. Auch hier springt nichts über, zu einstudiert klingen die wirren Rufe und schnellen Stimmungsschwankungen. Morten Frank Larsen – auch er von der Oper – spielt Sweeney Todd annehmend und ist der Rolle durchaus gewachsen. Hier stellt sich jedoch eine andere Frage, die aber wahrscheinlich auf die Regie zurückzuführen ist – Todd entwickelt sich nicht. Gerade die Kurve, die der Protagonist in diesem Stück zu spielen hat, ist das Spannende. Verbittert kommt Todd aus seiner Verbannung zurück nach London und langsam beginnt hier der Racheplan zu entstehen, bis er dann in einem überbordenden, unkontrollierten Akt endet. Doch es ist eine Entwicklung, ein innerer Kampf, den Todd hier durchmacht. Larsen beginnt jedoch bereits mit einer sehr offenen Wut, was zur Folge hat, dass die Entwicklung keinen Platz mehr hat, weil deren „Ziel“ schon viel zu Nahe ist. Trotzdem macht er seine Sache größtenteils gut.

Dagmar Hellberg und Tom Schimon sind die eigentlichen Highlights. Auch Robert Meyer überzeugt als Richter Turpin – er kommt vom Schauspiel und das ist sein großer Vorteil. Schimon spielt und singt Tobias so wie es sein soll und Hellberg liegt die Mrs. Lovett sowieso. Es ist schon fast ihre Paraderolle und der Anker dieser Inszenierung. Sie definiert Musical bzw. Musiktheater eben als „Schauspiel, bei dem man ‚zufällig‘ singt“ (Musicals. Das Muscialmagazin. August/September 2013, S. 45). Das ist der entscheidende Unterschied.
Die österreichische Presse überschlägt sich fast mit Lobeshymnen – selten wenn es ums Musical geht. Ja, es ist ein tolles Stück. Von vorne bis hinten. Die „Sweeney Todd“-Inszenierung an der Volksoper bleibt doch hinter meinen Erwartungen zurück – gerade weil einige Charaktere so viel mehr hergeben würden, als hier gezeigt. Es ist schade zuzusehen, wie wichtige Teile des Stücks verloren gehen, weil die Schauspielleistung einfach nicht ausreicht oder gar vollkommen fehlt. Pluspunkte für den Spezialeffekt „Blut-aus-Kehlen-spritzen“, das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau und das grandiose Orchester der Volksoper unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz gibt es aber auch.
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