Posts mit dem Label Premiere werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Premiere werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 30. September 2015

Premiere: Marry Me a Little - Theater Drachengasse // vienna theatre project

Der Funke von „Marry Me a Little“ ist zu mir nicht übergesprungen. Es hat mir für das, was es ist, zu wenig Tiefgang und um pure Unterhaltung zu sein, ist es mir zu wenig unterhaltsam. Es könnte doch aber mehr sein, die Ausgangsidee ist ja eine sehr reizvolle, eine, aus der man etwas Herausholen hätte können. Das vienna theatre project hat sich genau das zum Ziel gesetzt und möchte die Geschichte etwas weiterschreiben. Was passiert, wenn man versetzt wird und sich an einem Samstag Abend mit einem selbst auseinandersetzen muss, während man über Verflossene, neue Lieben, Erwartungen, Sehnsüchte und Beziehung nachdenkt? Eine interessante Frage. Eine Frage, die viel dramatisches Potenzial hätte, doch reichen mir Stephen Sondheims Songs da nicht aus.

Joanna Godwin-Seidl hat eine gute Inszenierung abgeliefert, aber auch sie kann für mich den Funken nicht zum Überspringen bewegen. In manchen Momenten beginnt es zu knistern, aber dann verliert sich das Stück wieder.  Ich liebe das vienna theatre project sehr – so muss Theater gemacht werden. Doch leider ist diese Produktion nicht so mitreißend, wie es schon so viele andere zuvor waren. Die Stückauswahl hat mich überrascht und auch wenn es sich um eine gute Inszenierung handelt, so scheitert sie am Stück selbst, das aus meiner Sicht einfach nur als „passabel“ zu bezeichnen ist.

Der Star des Abends ist das Bühnenbild. Richard Panzenböck hat dabei tolle Arbeit geleistet. Es ist so fantasievoll wie funktional und lässt viel Spielraum für die Regie. Godwin-Seidl nützt es für liebevolle Details und Twists, lässt Momente aus dem Bühnenbild entstehen, die mehr Tiefgang haben als sonst etwas. Die Farben Blau und Gelb stehen für „He“ und „She“ und lassen somit Verbindungen und Trennungen entstehen, verschmelzen und bilden Kontraste – eine wunderschöne Spielerei für das Auge und das Herz. Die blauen Blumen in der gelben Vase, das vergangene Märchen auf dem gelben Zettel zwischen blauen Pokalen,...

Jacqueline Braun und Tim Hüning sind SIE und ER, die alleine und manchmal doch irgendwie zusammen über die Liebe sinnieren. Beide bringen viel Charme in die Rollen, vor allem Braun bezieht mich als Zuschauer schnell in das Geschehen mit ein. Schwerelos spielt und singt sie mit viel Gefühl. Hüning gewinnt durch seine Ausstrahlung, doch kann er stimmlich nicht so ganz mithalten. Singt er in die entgegengesetzte Richtung versteht man leider kein einziges Wort und gerade das wäre so wichtig bei Sondheim. Im Theater Drachengasse muss nicht verstärkt werden und ich mag das – es fühlt sich direkter und purer an. In diesem Fall jedoch stellt die fehlende Verständlichkeit ein Hindernis dar, denn der Zuschauer muss sich anstrengen, um etwas von dem Gesungenen mitzubekommen. Schade. Jacqueline Braun tut sich mit ihrem kräftigen Organ einfacher. Ihre Leichtigkeit ist bemerkenswert.


„Marry Me a Little“ ist nicht ganz „my cup of tea“, aber dennoch ist der Abend kurzweilig und schon alleine deshalb einen Besuch wert, um das vienna theatre project zu unterstützen und den idealen Einsatz eines äußerst gelungenen Bühnenbildes zu bewundern.


"Marry Me a Little" läuft bis 10. Oktober 2015 im Theater Drachengasse.

Weitere Informationen und Karten gibt es hier:

Montag, 14. September 2015

Mozart! - Ein Preview-Review.

Verpönt hin oder her. Eine Preview zu rezensieren wird nicht gerne gesehen, aber warum eigentlich? Ich habe eine Vorstellung gesehen, ich weiß, dass noch daran gearbeitet wird (hoffentlich), ich tue meine Meinung kund, denn

Erstens: hab ich für diese Vorstellung bezahlt.
Zweitens: ist Feedback laut Intendanz erwünscht.
Drittens: ist hier Platz dafür.
Viertens: will ich etwas loswerden und
Fünftens: muss es ja keiner lesen.

„Mozart!“ ist also „back in town“. Grundsätzlich ist diese Entscheidung der Vereinigten Bühnen eine, die in mir einen Zwiespalt erzeugt. Wieder eine Produktion, die nach einigen Jahren und Welterfolg „heimkehrt“. In einer „neuen Fassung“. Gut, also wenn ich jetzt in mich gehe, dann gibt es da mehrere Wortmeldungen: Wenigstens nicht wieder etwas Eingekauftes und eins-zu-eins Nachproduziertes. Wenigstens eine Eigenproduktion. Warum wieder etwas „aufwärmen“, wo ist das Neue? Von mir aus die Hits an den großen Häusern, wenn wenigstens irgendwo irgendetwas Kreatives, Kleines, Experimentelles, Neues ausprobiert würde – auf der Probebühne zum Beispiel. Warum geht das nicht? Warum sehen sich die VBW nicht dafür verantwortlich das Genre aufzuwerten und seine Vielfalt zu präsentieren?
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass ich mich mit dem „Wenigstens“ begnügen muss, um mich selbst bei Laune zu halten und nicht einer Musical-Depression zu verfallen.
Aber dieses „Wenigstens“ scheitert leider auch. Es scheitert an dieser „Neufassung“ von Mozart!, die ich nur als eigenständiges Gebilde kritisieren kann, da ich die Uraufführungs-Version damals nicht gesehen habe.

Gestern also – und es sei noch einmal dazu gesagt, dass es sich um eine Preview handelt – habe ich Mozart! zum ersten Mal nach der konzertanten Aufführung 2006 gesehen. Levay und Kunze haben hier ein Musical geschrieben, das dramatisch und psychologisch interessant ist, das Mozart als Mensch zeigt, mit Fehlern und Genius, Kindlichkeit und Hitzköpfigkeit und dem Zwiespalt des Künstler-Daseins. Genial. Die Umsetzung von Harry Kupfer ist jedoch enttäuschend. Wenn ein Regisseur einen Stil hat ist das nicht verwerflich, doch wenn er sich selbst kopiert schon. Und das tut Kupfer. Mozart! ähnelt der neuen Fassung von „Elisabeth“ gar sehr. Bühnenbild-Projektionen, Choreographie von Dennis Callahan...irgendwie unkreativ, weil zu ähnlich. Unabhängig davon sind die Projektionen gelungen – nein, das widerspricht sich nicht. Es sind nur viel zu viele. Das Publikum braucht keinen ständigen Wechsel, es hat Vorstellungskraft, die es benützen möchte. Ich brauche kein extra Bild für „Irgendwo wir immer getanzt“, ich kann mir den Saustall vorstellen. Der schnelle und unnötige Wechsel ist hektisch und hilft auch nicht darüber hinweg, dass die Szenen nicht nahtlos ineinander übergehen. Der erste Akt wirkt noch wie eine holprige Aneinanderreihung von Szenen, die Übergänge sind wenig „smooth“ und die Handlung kommt dadurch kaum in Schwung. Die Zeit vergeht nicht und mein Interesse schrumpft. Und die Darsteller sind gefangen in dieser Falle, sie spielen dagegen an, doch was bleibt ist ihre Einzelleistung und weniger die Geschichte und das „zwischenmenschliche“, gemeinsame Spielen.
Das ist sehr schade, denn Oedo Kuipers ist ein wunderbarer Mozart. Er spielt mit ganzer Seele. Sein Einsatz ist unglaublich und zeigt die innere Zerrissenheit und den Drang des Genies, die Unermüdlichkeit des Künstlers. Bis ins Blut geht diese Performance. Thomas Borchert macht sein Ding. Er ist – wie immer – unerschütterlich und souverän. Barbara Obermeier ist eine herzerwärmende Nannerl – „Der Prinz ist fort“, eine Nummer, die ich eigentlich nicht leiden kann, gelingt ihr sehr gefühlvoll und wird zu einer Szene, die das Stück zu diesem Zeitpunkt so dringend braucht. Auch Franziska Schuster als Constanze spielt ihren Part sehr würdig und glaubhaft.
Mark Seibert lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, egal ob von Orchester (viel zu laut, es wirkt so angestrengt) oder Regie (wie lächerlich ist die Kutschenfahrt-Szene), er macht sein Ding und liefert. Johannes Glück als Schikaneder beglückt mit wohltuendem Wienerisch im Ohr, allerdings sind seine Auftritte immer schlecht getimt. Jon Geoffrey Goldsworthy als Graf Arco ist eigentlich ein guter Typ, doch ich habe kaum etwas verstanden.
Ana Milva Gomes – schön. Einfach nur schön. Und da ist auch die Regie zu loben (ebenso wie beim Einsatz der Stühle - das funktioniert bestens!), die Bühne für ihre Szenen in Blau zu färben ist eine gute Idee und die Baronin hält somit wenigstens einige der Szenen gut zusammen. Gomes ist ideal besetzt – auch wenn ich zugegeben etwas skeptisch war.

Es ist noch einiges zu überdenken, wie ich meine, und es wird noch gearbeitet. Eine gute Woche ist noch Zeit, um ein bisschen mehr Liebe und Geschmeidigkeit hineinzubringen. Einige Szenen müssen fließender werden, andere würde ich komplett überdenken.
Die Kutschenfahrt von Arco und Colloredo – soll das lustig sein? Kommt nicht rüber. Sind zwei Liebesduette in so kurzem Abstand wirklich notwendig, auch wenn beide gelungen und nett sind (die Ringelspielfahrt ist eine tolle Idee). Mir ist der „Rote Rock“ abgegangen und „Jeder Abschied ist der Anfang einer Reise“, die beiden Songs erzählen etwas, im Gegensatz dazu hätte ich lieber die Prater-Szene gekürzt. „Ich bin extraordinär“ finde ich schlecht. Die E-Gitarre mag eine gute Idee sein, wirkt jedoch im Moment so nicht. Die Weber’schen präsentieren sich äußerst nervend, was ja so sein soll, mich nervt aber vor allem das Hippie-Mobil. Man kann es auch wirklich übertreiben. Das ist „the easy way out“ wenn es um Kreativität geht. 

Die konzertante Aufführung 2006 hat überzeugt, auf allen Ebenen, denn sie hat sich auf das Wesentliche konzentriert und dabei die Charaktere und die Geschichte(n) wunderbar herausgearbeitet. Das Publikum wurde durch nichts abgelenkt, sondern die Musik und die Darsteller haben etwas Geschaffen, das lang in Erinnerung blieb. Etwas mehr von diesem „Wesentlichen“, „Menschlichen“ geht dieser Neufassung noch ab.

Ich werde es mir sicher noch einmal ansehen, schon alleine wegen Kuipers. Jetzt warte ich jedenfalls ein paar Monate und hoffe, dass sich die Produktion etwas mehr einspielt. Wer weiß, wie sie dann wirkt und ich bin gerne bereit das ein oder andere zu revidieren.


P.S.: Paradox ist auch, dass das Publikum beim Schlussapplaus zu "Hier in Wien - wo man vor einem Messerstich in deinen Rücken die Hände dir küsst - mitklatschen darf. 








Donnerstag, 7. Mai 2015

Premiere: In the Heights - In den Heights von New York. - KONS.theater

„In the Heights“ ins Deutsche zu Übersetzen ist wahrscheinlich eines der herausforderndsten Dinge, das man sich so antun kann.  Es ist ein Musical, das alle anderen hinter sich zurücklässt und ganz alleine da steht. Es gibt nichts Vergleichbares und seine einzige ernsthafte Konkurrenz  ist wahrscheinlich nur das derzeitige Hot-Ticket am (Off-)Broadway „Hamilton“, das ebenfalls aus der Feder von Lin-Manuel Miranda stammt.

„In the Heights“ am Broadway. Das war vor ein paar Jahren „talk of town“. Zugegeben stellte es anfangs für mich eine Herausforderung dar. Ich erlebte eine Kultur, die mir nicht nur fremd war, sondern deren „Sprache“ ich auch erst verstehen lernen musste. Es ist ein Musical, das einem entweder von Anfang an mitreißt, abstößt oder mit gemischten Gefühlen zurücklässt und sich erst nach und nach entfaltet. Ist die Welt der „Washington Heights“ einem fremd tut sich die Show erst nach und nach auf, erblüht aber dann in den schönsten Farben, um es mal „blumig“ zu formulieren. Letztes Jahr durfte ich es mir noch einmal – diesmal in Londoner Southwark Playhouse – zu Gemüte führen und seit dem hat es nun meine ganze Liebe. Die Größe des Theaters war perfekt und das Erlebnis durch die Arena-Bühne unvergesslich.

Und jetzt also die deutschsprachige Erstaufführung in Wien – am Kons. Latino-Rhythmen und österreichisch-deutsche Steife treffen aufeinander, kann das gutgehen? Ja. Es kann.
Laura Friedrich Tejero hat sich besagter Herausforderung gestellt und übersetzt. Was vielleicht anfangs ein Ding der Unmöglichkeit scheint funktioniert überraschend gut. Die Übersetzung kann sich sehen lassen. Lästig sind nur die wenigen Randbemerkungen mit aktuellen Referenzen (Conchita, Griechenland), mit denen krampfhaft versucht wird, ein paar Pointen mehr rauszuhauen. Die tun zwar weh, wenn ich ganz ehrlich bin, aber gut, es gibt natürlich Schlimmeres.
Die Übersetzerin, selbst Studentin des dritten Jahrgangs, gibt auch die Nina. Ihre Performance ist durchzogen, doch an den wichtigen Stellen ist sie sehr präsent. Sehr berührend ist die Szene, in der sie mit Usnavi alte Fotoalben durchblättert und sie sich gemeinsamen Erinnerungen hingeben.
Usnavi. Was für eine Rolle. Er trägt das Stück, manchmal aktiv, manchmal passiv, doch immer da. Nathanaele Koll-Valsassina habe ich schon länger im Auge. Der Kerl hat „es“ einfach. Zuletzt noch als komödiantischer „Sidekick“ im Metropol-Musical „Plötzlich Prinz“ – ein Highlight dieser seichten Blödelei – gefallen, bekommt er hier die Möglichkeit eine etwas andere Seite von sich zu zeigen. Charmant macht er das. Die Anstrengung der Rolle merkt man ihm nicht an, so locker gibt er den sympathischen Bodega-Besitzer. Sein Schauspiel überzeugt, wie immer. Eine Wohltat für das Zuschauer-Auge. Ebenso souverän ist Dorina Garuci als Vanessa. Feurig und ehrlich ist ihr Spiel – man schaut ihr gerne zu.

Lin-Manuel Miranda (Musik/Lyrics) und Quiara Alegría Hudes (Buch) haben in diesem Stück Menschen auf die Bühne gebracht. Auch wenn die Geschichte in einem uns fremden Milieu spielt, so ist die Essenz doch pure Menschlichkeit. Die Authentizität dieses Musicals ist seine größte Stärke, noch vor seiner musikalischen „Andersartigkeit“. Es ist ein Herzensstück. Eines, das vom Leben erzählt und das Charaktere facettenreich und „offen“ darstellt. „Offen“ in dem Sinn, dass es nicht an der Oberfläche kratzt und die Menschen so porträtiert, das man sie einerseits kennenlernt, doch andererseits das Gefühl zurückbleibt, das hinter ihnen noch so viel mehr steckt als man schon weiß. Emotionale Tiefe, die man hinter jedem gesungenen, gesprochenen, gerappten Wort spürt – vorausgesetzt die Performance stimmt. Bei Nicolas Huart ist das der Fall. Jantus Philaretou ist mal mehr, mal weniger präsent, aber wenn es darauf ankommt, ist er da und berührt als besorgter Vater sehr.
Die „heimlichen“ Stars der Produktion sind für mich Soffi Schweighofer und Daniel Tejeda. Viel mehr kann man aus diesen Rollen nicht herausholen. Die beiden haben ihre Charaktere bis zum letzten Winkel ausgefüllt und überzeugten mit einem wunderbar ehrlichen Spiel. Tejeda ist wie er ist. Mehr kann ich da eigentlich nicht sagen. Das muss man selbst erleben. Wie damals bei seiner Aufnahmeprüfung am Kons (übrigens auf youtube): Er macht sein Ding und zieht es bis zum Schluss durch. Stimmlich sehr stark und mit einer großen Portion Charme und Witz ist er ein wirkliches Highlight. Jede Pointe sitzt perfekt. Soffi Schweighofer meistert den spanischen Akzent mit Bravour. Sie ist die Einzige, die ihn hundertprozentig und bis zum Ende durchzieht und ihre Rolle damit zur Perfektion bringt. Da brennt ein Feuer tief in ihr drinnen und das spürt man während der ganzen Show.
Etwas schwieriger hat es Christoph Prinz als abuelo (im Original eigentlich eine abuela). Er hat gute Momente, doch so ganz gelingt die Herausforderung einen alten Mann zu spielen leider nicht. Es ist auch schwer.
Anna Burger hat zwar die Stimme und die nötige Attitude für ihre Rolle, doch wirkt letztere nicht authentisch genug. Zu oberflächlich gestaltet sie die Rolle der Daniela für meinen Geschmack. Ihre Assistentin Carla, gespielt von Juliette Khalil, stiehlt ihr da irgendwie die Show. Die Rolle ist zwar klein, aber die Herausforderung das „Dummchen“ zu spielen umso größer. Bei Parts wie diesem steht man meist vor dem Abgrund und muss die Balance ständig halten, um die Pointen auch „funktionstüchtig“ zu machen. Khalil kann das – ganz ohne Augenrollen.

Bis auf Simon Stockinger, der positiv heraussticht, erfüllt das Ensemble (aus dem 2. Jahrgang) seinen Zweck. Leider nicht mehr. Tanz-technisch steht das Kons aber mit dieser Produktion dem Performing Center nun endgültig um nichts nach. Im Gegenteil. „In the Heights“ zeigt die Studenten in einem neuen Licht und das ist schön zu sehen.
Die Choreografien von Althair Guadarrama und Rainer Wiesmüller sind gelungen und Mirandas Musik ertönt unter der Leitung von Michael Römer mit Schwung und Spielfreude. Timo Verses Bühnenbild unter dem Licht von Dulcinea Jan rundet die Produktion perfekt ab. Auch wenn hie und da noch Raum für Verbesserung bleibt, so hat
Regisseurin Alexandra Frankmann-Koepp für die kleine KONS.theater-Bühne viel Positives herausgeholt. „In the Heights – In den Heights von New York“ beweist, dass das Konservatorium immer für Überraschungen gut ist. Hingehen!


Mittwoch, 18. September 2013

Vorpremiere: Sweeney Todd - Volksoper


Der Frage, ob man überhaupt Vorpremieren rezensieren darf oder nicht, möchte ich mich hier nicht stellen. Doch da die Vorpremiere von „Sweeney Todd“  an der Volksoper im freien Verkauf war, also dem „Normalpublikum“ zugänglich, und ich meine Gedanken zu dieser Inszenierung auch zugänglich machen möchte, habe ich beschlossen, ein paar Worte darüber zu verlieren.
Grundsätzlich ist der Volksoper ein Lob auszusprechen, dass sie sich endlich Stephen Sondheim annimmt und dann auch noch den „dämonischen“ Barbier auf den Spielplan setzt. Mutig finde ich das durchaus und meine: Nur weiter so! Mit Matthias Davids wurde auch ein Regisseur gefunden, der etwas auf dem Kasten hat – wie man zuletzt in Linz bei der grandiosen Inszenierung von „Die Hexen von Eastwick“ sehen konnte. So und jetzt kommen wir auch schon zur Besetzung, dem eigentlichen Problem, das sich bereits im Vorfeld abgezeichnet hat und sich für mich letztlich auch bei der Vorpremiere bestätigt hat…

Ja, es ist verständlich bei fünf Musicalproduktionen in der gesamten Saison (beachtlich!) muss man als großes Theater- bzw. Opernhaus auf das Budget achten. Leider muss man anscheinend da ansetzen, wo man – meiner Meinung nach – auf keinen Fall ansetzen dürfte. Um nicht zu überziehen besetzt man aus den eigenen Reihen. Dann denkt man sich, dass man Sondheim und vor allem „Sweeney Todd“ mit Opernsängern besetzen kann, weil es ja perfekt passt. Aber nein. Es passt eben nicht perfekt. In der September-Ausgabe der „Bühne“ ein Zitat des Direktors Robert Meyer:

„In der Regel werden Musicals mit musikalisch begabten Darstellern besetzt, die auch singen können. Aber hier hört sich der Spaß auf! In diesem Fall wäre dies tollkühn. Hier trifft man – in dem Genre selten! – mit Opernsänger die richtige Wahl.“
Nein. Eben nicht. Und warum? Allererstens weil - und das kann man zwar nicht auf alle, aber doch auf einen Großteil anwenden – Opernsänger nicht schauspielen können, oder sagen wir es so, mit ihrem Schauspiel oft nur an der Oberfläche kratzen und nicht aus sich heraus spielen. „Sweeney Todd“ ist eines der Musicals, das in erster Linie gute Schauspieler braucht, um seine Genialität zu entfalten; natürlich mit der Voraussetzung Sondheims komplexe Partitur auch singen zu können. Zugegeben, die Volksoper macht in dieser Besetzungsriege nicht viele Fehler, aber die wenigen sind fatal. Anita Götz als Johanna und Alexander Pinderak als Anthony Hope sind ihren Rollen nicht gewachsen. Sie wirken alt, langweilig, oberflächlich. Götz‘ Johanna ist eine blonde Tussi, die nicht viel im Hirn hat und an deren Schicksal und Zukunft ich als Zuschauer kein Interesse hatte. Sie war mir egal. Ebenso Anthony Hope. Pinderaks „Johanna“ ist ganz gut gesungen, aber leider ist da nicht viel dahinter. Gerne denke ich an Stefan Bischoffs Solo am Stadttheater Klagenfurt zurück oder auch an die West End-Inszenierung bei der Luke Brady die Herzen des Publikums angerührt hat. Götz und Pinderaks Rollengestaltungen bleiben jedoch so an der Oberfläche, das sie nicht ergreifen. Sie erreichen mich nicht und dadurch geht viel verloren. Es sind ja nicht irgendwelche Nebenrollen, im Gegenteil. Doch auch Patricia Nessy, die vom Musical kommt, enttäuscht als Bettlerin. Auch hier springt nichts über, zu einstudiert klingen die wirren Rufe und schnellen Stimmungsschwankungen. Morten Frank Larsen – auch er von der Oper – spielt Sweeney Todd annehmend und ist der Rolle durchaus gewachsen. Hier stellt sich jedoch eine andere Frage, die aber wahrscheinlich auf die Regie zurückzuführen ist – Todd entwickelt sich nicht. Gerade die Kurve, die der Protagonist in diesem Stück zu spielen hat, ist das Spannende. Verbittert kommt Todd aus seiner Verbannung zurück nach London und langsam beginnt hier der Racheplan zu entstehen, bis er dann in einem überbordenden, unkontrollierten Akt endet. Doch es ist eine Entwicklung, ein innerer Kampf, den Todd hier durchmacht. Larsen beginnt jedoch bereits mit einer sehr offenen Wut, was zur Folge hat, dass die Entwicklung keinen Platz mehr hat, weil deren „Ziel“ schon viel zu Nahe ist. Trotzdem macht er seine Sache größtenteils gut.

Dagmar Hellberg und Tom Schimon sind die eigentlichen Highlights. Auch Robert Meyer überzeugt als Richter Turpin – er kommt vom Schauspiel und das ist sein großer Vorteil. Schimon spielt und singt Tobias so wie es sein soll und Hellberg liegt die Mrs. Lovett sowieso. Es ist schon fast ihre Paraderolle und der Anker dieser Inszenierung. Sie definiert Musical bzw. Musiktheater eben als „Schauspiel, bei dem man ‚zufällig‘ singt“ (Musicals. Das Muscialmagazin. August/September 2013, S. 45). Das ist der entscheidende Unterschied.
Die österreichische Presse überschlägt sich fast mit Lobeshymnen – selten wenn es ums Musical geht. Ja, es ist ein tolles Stück. Von vorne bis hinten. Die „Sweeney Todd“-Inszenierung an der Volksoper bleibt doch hinter meinen Erwartungen zurück – gerade weil einige Charaktere so viel mehr hergeben würden, als hier gezeigt. Es ist schade zuzusehen, wie wichtige Teile des Stücks verloren gehen, weil die Schauspielleistung einfach nicht ausreicht oder gar vollkommen fehlt. Pluspunkte für den Spezialeffekt „Blut-aus-Kehlen-spritzen“, das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau und das grandiose Orchester der Volksoper unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz gibt es aber auch.

Donnerstag, 11. Juli 2013

Next To Normal - Fast Normal. Die Besetzung.

Nun steht sie also fest, die gesamte Besetzung der deutschsprachigen Erstaufführung von "Next To Normal". "Next To Normal - Fast Normal" - Gott sei Dank wurde der englische Titel übernommen - präsentiert sechs Musicaldarsteller in seiner Cast, die mich auf den ersten Blick doch etwas verwundert haben. Ehrlich gesagt hätte ich Pia Douwes und Thomas Borchert nicht in den Rollen von Diana und Dan gesehen. Der zweite Blick jedoch, und vor allem der Blick auf die Darsteller von Gabe, Natalie, Henry und Dr. Madden/Fine, erzeugt in mir ein Gefühl der Spannung und Vorfreude auch wenn ich mit Sicherheit weiß, dass ich es wohl kaum nach Fürth zur Erstaufführung schaffen werde. Mit diesen sechs Darstellern hat das Creative Team sehr individuelle Künstler gefunden. Alle bringen die nötige schauspielerische Tiefe für diese Rollen mit, eine Furchtlosigkeit, sich diesen Charakteren zu widmen, Leidenschaft für ihren Beruf und eine besondere Ausstrahlung. Dirk Johnston und Dominik Hees als Gabe und Henry finde ich fabelhaft besetzt und ich mache mir große Hoffnungen auf ein Album mit dieser Cast, auch wenn ich mich immer etwas vor der deuschen Übersetzung graue, aber vielleicht ist Regisseur und Übersetzer Titus Hoffmann da ja etwas gelungen (ein erstes Urteil kann man sich hier bilden)...
Obwohl es nur 13 "exklusive" Vorstellungen im Stadttheater Fürth gibt (Premiere am 11. Oktober 2013) fährt das Marketing-Team eine bewundernswert engagierte Schiene. Promotion-Videos geben einen Einblick in die Backstage-Arbeiten, sei es nun Bühnenbild oder Fotoshooting, via Facebook wird ordentlich gepostet und geshared, die Homepage ist toll gestaltet und das Konzept hält sich eng an das Original (z.B. mit übergenauen, "hyper-normal" bearbeiteten Bildern und den symbolträchtigen Pixeln). Ein Produktion, die also schon im Vorhinein verspricht, was sie auch hoffentlich hält.

Die Besetzung:

Diana - Pia Douwes
Dan - Thomas Borchert
Natalie - Sabrina Weckerlin
Gabe - Dirk Johnston
Henry - Dominik Hees
Dr. Madden/Fine - Ramin Dustdar



Links:

- Next To Normal - Fast Normal
- Next To Normal - Broadway Review

Dienstag, 2. Juli 2013

Auf der Suche nach der Wahrheit - Die "neue" Sater/Sheik- Kollaboration "Arms on Fire"


Während sich in Wien das Youth Ensemble des English Theatre auf seine Premiere von "Spring Awakening" vorbereitet, feierte das neueste und zugleich älteste Projekt des Autoren-Teams Steven Sater und Duncan Sheik letzte Woche seine Weltpremiere. Unter dem Titel "Umbrage" begannen Sheik und Sater 1999, noch vor ihrer Zusammenarbeit an "Spring Awakening", ihre gemeinsame Arbeit. Doch erst 14 Jahre später kam es am 26. Juni 2013 als "Arms on Fire" zur ersten (öffentlichen) Aufführung mit der Chester Theatre Company (Regie: Byam Stevens).
Die Musicalwelt kann für eine Kollaboration wie diese überaus dankbar sein. "Pushing the boundaries" steht bei Sater und Sheik immer mit im Zentrum ihrer Arbeit. Dass Musicals sich nicht an „Konventionen“ halten müssen, sondern sich verallgemeinernden Definitionen entsagen können, indem sie z.B. der Musik neue Funktionen und Formen zusprechen, zeigten Sater/Sheik deutlich mit „Spring Awakening“. „Arms on Fire“ ist kein Musical, aber auch kein „play with songs“, das Stück versucht anscheinend erst gar nicht sich in eine Kategorie einzuordnen oder sich zu limitieren. Genau dieses Grenzen-negieren und -überwinden, dieses „Forschen“ nach neuen Wegen, zeichnet die Arbeit von Sater/Sheik aus und darin liegt, für mich, die Zukunft des Musicals. Ein weiterer Aspekt ist die Thematik der Stücke, denn auch wie in „Spring Awakening“ geht es um „finding truth, even if that truth is uncomfortable“ (Steven Sater, Amherst Bulletin). „Arms on Fire“ macht sich auf diese Suche, indem es zwei sehr unterschiedliche Menschen miteinander konfrontiert.
Auch wenn das Stück eine relativ kurze Spielzeit (26. Juni bis 7. Juli) hat, so spricht Sater in einem Interview mit dem Boston Globe bereits von Plänen es nach einer weiteren Produktion an einem Regional Theatre an ein Off-Broadway Theater zu bringen. So wie man plant und denkt so kommt es zwar nicht immer, aber die Hoffnung lebt, dass auch „Arms on Fire“ einen erfolgreichen Weg einschlägt. Einige Songs gibt es übrigens auf Duncan Sheiks Album „Phantom Moon“ (2001) zu hören…
 
LINKS:

- Boston Globe Artikel mit Video (Interview und Einblick in Proben)
- Chester Theatre Company (Produktionsinfos und Fotos)

Donnerstag, 27. Juni 2013

Bachelor-Show - Musikalisches Unterhaltungstheater - Konservatorium Wien


Die Bachelor-Show des Abschlussjahrgangs der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater der Konservatorium Wien Privatuniversität gehört zu den Highlights meines Musical-Jahres und das mittlerweile schon seit einigen Jahren.
Jedes Jahr präsentieren sich junge Talente und zeigen was sie in den vier Jahren am Kons gelernt haben und was in ihnen steckt. Es ist jedes Mal ein Abend der (An-)Spannung, der Leidenschaft und vor allem der Emotionen. Dieses Jahr war es wohl auch – zumindest bei der Premiere – ein Abend des Schweißes, der einige weitere Herausforderungen mit sich brachte und vor allem von den männlichen Absolventen aufgrund der ständigen Mikropannen absolute Professionalität erforderte. Besonders Manuel Heuser hatte zu kämpfen und musste aus und in die Szenen springen, was er sich jedoch nicht groß anmerken ließ, sondern einfach reagierte. Nicht leicht hatte es sicher auch Johannes Nepomuk, der noch kurz vor seiner Abschlussnummer - dem emotionalen Höhepunkt seines Programmes – von einem Techniker ein Handmikrophon in die Hand gedrückt bekam. Hut ab – denn als wäre nichts gewesen sang Nepomuk trotzdem eines der emotionalen Highlights der gesamten Show mit einer Tiefe und Ehrlichkeit, die sehr berührte.

Johannes Nepomuk lieferte mit seinem gesamten Programm eine beeindruckende Performance ab, die nicht nur abwechslungsreich war, sondern auch einen weiten emotionalen Bogen spannen konnte. Die Zusammenstellung erwies sich als äußerst gelungen: ein schwungvoller Einstieg mit „Live in Living Color“ (Catch me if you can), eine wunderbar komische Nummer aus Wildhorns Wonderland  („One Knight“) samt allen (oder eher wenigen) „cheesy-moves“, die das Boyband-Spektrum zu bieten hat und diversen Gags von Ohrring bis übergroßer Anzug und Standmikro, ein bisschen „Smash“ und über den Einstieg „Immer nur lächeln“ (Das Land des Lächelns) zum Grönemayer-Abschluss „Ich hab dich lieb“ – ein Lied, mit dem Nepomuk trotz des Intermezzos den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Die Textkomponente bestand zum Teil aus Szenen aus Woody Allens Match Point, die eine gute dramatische Entwicklung erlaubten. Alles in allem ein perfekt zusammengesetztes Abschlussprogramm, in dem Johannes Nepomuk sein Talent beweisen konnte und deswegen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Sich so ein Programm von zwanzig Minuten auszudenken, das sämtliche Anforderungen erfüllt – sei es nun Operette und Tanz (etc.) – aber auch die individuellen Stärken herausstellt sowie vielleicht auch noch eine gewisse Bandbreite der Darstellung zeigt, stelle ich mir als sehr schwierige Aufgabe vor. Es ist meines Erachtens ein hohe Kunst in zwanzig Minuten so viel wie möglich zu zeigen und sowohl sich selbst nicht zu verlieren als auch alle Vorschriften und andere Bedenken einzuhalten. Während dieses Jahr einige Absolventen den Vogel abgeschossen haben, da sie genau diese Vorgaben sehr individuell, mit eigenem Twist, umgesetzt haben, konnten andere wiederum nicht ganz so überzeugen wie sie es in vergangenen Produktionen bereits getan haben. Alixa Kalasz ist mir noch gut aus Rent – grandios als Maureen – und Tee um Drei in Erinnerung, ihr Bachelor-Programm war etwas einseitig und vielleicht zu eng, um sich ganz entfalten zu können. Doch keine Frage, ihr Talent ist groß und Kalasz spielte, sang und tanzte souverän, überzeugen konnte sie aber vor allem in den Supporting Roles in den Programmen einiger Kollegen.
Leider auch etwas blass wirkte Manuel Walcherberger. Ich weiß nicht genau woran es lag, aber der Funke wollte nicht so ganz überspringen. Man nehme seine Darstellung in Rent – ein Collins wie man ihn sich wünscht, eine Performance, die mich nachhaltig beeindruckt hat oder auch seinen Auftritt in Tschechows Drei Schwestern letzten Sommer (Armes Theater Wien) – da konnte man sehen, was in ihm steckt. Vielleicht war es auch die Premiere, die einfach nicht so glatt gelaufen ist, denn leider konnte Walcherberger nicht alle seine Register ziehen und nur ansatzweiße sein großes Talent zeigen (wie z.B. in den „Rache“-Szenen aus „Sleuth“).

Die beiden anderen Männer im Bunde sind Manuel Heuser und Dieter Hörmann. Heuser hatte am schlimmsten mit der Technik zu kämpfen, bestand die Herausforderung jedoch bravourös. Hinein und hinaus aus der Szene – ohne Probleme, Hut ab! Sein Programm bestand aus Monologen aus Martin Heckmanns „Finnisch“, die einen roten Faden spannten und Raum für eine vielfältige Songauswahl ließen – u.a. Jonathan Reid Gealts „Quiet“, „Was hat sie nur an sich?“ (Lippas „Wild Party“) und „Feeling Good“. Erfrischend, sympathisch und perfekt auf sein Können abgestimmt. Ebenso und doch ganz anders Dieter Hörmann. Ein Unikat der Sonderklasse, dessen Programm den roten Faden roten Faden sein ließ und einfach machte. Auch das funktioniert, wenn jede einzelne Nummer so auf den Punkt gesungen und gespielt wird. Egal ob Sondheim (Nothing’s Gonna Harm You), Bernstein (Maria), Benatzky oder „Moving Too Fast“ (The Last 5 Years) mit neuem Text in „Voitrottl“-Manier. Dazwischen dann noch eine „Stumme Szene“ – passend zum Sommer, die auch nicht mit Worten beschrieben werden kann und „Auf den Flügeln des Gesanges“, ein genialer Sketch, den ich das letzte Mal bei Mark Seiberts Kons-Prüfung gesehen habe (damals mit Peter Lesiak). Eine Szene mit der Hörmann gemeinsam mit Johannes Nepomuk „abgeräumt“ hat. Überhaupt hat sich letzterer auch in den Supporting Roles nichts nehmen lassen, alles gegeben und hier noch weitere Qualitäten zu Tage befördert.
Der Preis für das kreativste Konzept geht an Tanja Petrasek, die den Leonie-Rysanek-Saal in das altbekannte „Herzblatt“-Studio umwandelte, um gleich alle drei Kandidatinnen zu spielen: die Renate mit „gewaschenem“ Dialekt aus Wien, die Susi mit S-Fehler aus St. Pölten und Katharina aus Liechtenstein, die gerne mal tschechische Art-Filme zur Entspannung schaut. Eingebettet in das Setting war u.a. Operettiges, „Mein Sinn für Stil“ (Aida) und „Männer“ (Drei Musketiere). Mit Maria Bills „I mecht so gern landen“ konnte Petrasek in einem einzigen Song zeigen, was in ihr steckt. Diese Performance ging derart ans Herz, dass man den Schmerz fast selbst spüren konnte – eine große Leistung!

Salka Weber ist ein „Triple Threat“, denn sie überzeugte auf allen drei Ebenen gleichermaßen. Ihr schauspielerisches Können kam in ihrem Programm besonders gut hervor und zusammen mit Michael Souschek spielte sie zunächst eine problematische Paarbeziehung, bevor sie sich dann den wahren Problemen dahinter in einer Gruppentherapiesitzung widmete. Gelungen zusammengesetzt mit tollen Tanz- und Gesangnummern, nur Carmens „Habanera“ zu Beginn wollte nicht so richtig. Aber das hatte man am Schluss ihrer Szene schon fast ganz vergessen. Die Monologe sprühten von natürlichem Spiel und das hat nicht losgelassen und eine ganz eigene Verbindung zum Publikum hergestellt.

Auch Franzsika Kemna konnte mit ihrem Bachelor-Programm voll und ganz überzeugen. Es schilderte die Schwierigkeiten des Künstlerdaseins sei es nun die Härte des Berufsalltags oder Beziehungsprobleme (an ihrer Seite in diversen Rollen: Adrien Papritz - großartig!) und suchte sich dann eine Fluchtmöglichkeit in einem Pakt mit dem „Teufel“ – Ruhm und Erfolg auf allen Ebenen. Auch dieses Setting ließ viel zu – von Klassiker „Maybe This Time“ und über das komische Chanson von Pigor & Eichhorn „Was willste denn in Wien?“ und Pasek & Pauls „Perfect“ (aus Edges) bis hin zur Tanznummer „Die roten Stiefel“. Ein gelungener Abschluss eines – wie immer – bunten und beeindruckenden Abends.
Etwas auffallend: ein scheinbarer – und wahrscheinlich nicht dezidiert beabsichtigter – Schwerpunkt auf Beziehung, Betrug und Sex. Irgendwie interessant, aber über Beziehungen lässt es sich ja immer gut reden...

Das i-Tüpfelchen der Bachelor-Show waren die Ensemble-Nummern, in denen sich die acht „Wegbegleiter“ noch einmal zusammen präsentieren konnten. Shreks „Freak Flag“ mit kleinem Seitenhieb auf einige Kons-Lehrende und einer großen Portion Selbstironie war definitiv ein Highlight des Abends. Mikas „Happy Ending“ war letztlich doch nicht das Ende, sondern nur die Vorstufe zum Reprise von „Freak Flag“, das ich am liebsten gleich noch ein paar Mal gesehen hätte. Herzlichen Glückwunsch an die acht Absolventen!

Dienstag, 4. Juni 2013

„a summer rose in winter" - Wenn die Seele spricht...


Man weiß, dass man etwas Unbeschreibliches gesehen hat, wenn man am Heimweg immer noch Tränen in den Augen bekommt. Ja, was soll ich sagen? Tränen über Tränen an diesem regnerischen Nachmittag und ein tief erfülltes Herz.
Wenn die Seele spricht, dann hört sich das genau so an, wie „Wenn Rosenblätter fallen“ oder eben „a summer rose in winter“. Und zwar genau so, wie gestern in einem Reading die englische Version des Musicals präsentiert wurde. Im Vorhinein wurde das Publikum gebeten nicht zu urteilen und Nachsicht zu haben, da nicht viel geprobt wurde etc. Alles vergessen, nachdem die ersten Sätze gesprochen, die ersten Lines gesungen wurden…

In dieser Besetzung, in diesem intimen, direkten Rahmen, nur mit Klavierbegleitung (von Komponist Rory Six), so finde ich dieses Musical, das an Herz und Nieren geht, am ergreifendsten. Da braucht es nichts – keine Kostüme, kein Bühnenbild, auch nicht unbedingt Requisiten (oder zumindest nur das Notwendigste). Pur. So haben die Gefühle, die beste Möglichkeit sich zu entfalten.
Denke ich an den Nachmittag zurück, kann ich es immer noch kaum fassen. Keine Worte. Als Rory Six die Pause ankündigte herrschte Stille im Raum, durchzogen von Schniefen und Rascheln der Taschentücherpackungen. Das, was in diesem Raum in den fast zwei Stunden passiert ist, lässt sich nicht wirklich beschreiben. So reduziert und konzentriert auf das Wesentliche, dieses Auf und Ab des menschlichen Daseins mit all seinen Facetten. Dieses Erforschen der Tiefen, die Glücksmomente, die überspielten Abgründe – „a summer rose in winter“ zeigt Charaktere, die einen nicht los lassen. Sie erfordern Darsteller, die die Angst hinter sich lassen und sich fallen lassen in diese Geschichte von Leben und Tod. Riccardo Greco ist DIE Idealbesetzung für Tom (ehemals „Till“). Ich weiß nicht wie und was, wenn ich ihn performen sehe. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich wieder Tränen in den Augen, weil dieser Mensch eine Gabe hat, die ich bei kaum einem je gesehen habe. Wenn Greco spielt und singt, dann gelingt es ihm, sich so zu öffnen, dass ich als Zuschauer das Gefühl habe, direkt in seine Seele schauen zu können. Vielleicht geht es nur mir so, aber ich wünsche jedem, dass er genau das fühlen kann, was ich in diesen Momenten spüre. Eine Seelenverbindung zwischen Darsteller, Charakter und Zuschauer. Das ist magisch und mag jetzt so kitschig und abgedriftet klingen, wie es eben klingt – besser kann ich es nicht ausdrücken.

Marle Martens und Jacqueline Braun sind die anderen zwei im Bunde. Auch diese beiden beeindrucken. Martens und Greco – dass dieses Duo harmoniert, konnte man z.B. schon in einem gemeinsamen Video sehen – eine Verbindung, die ohne Worte funktioniert. Eine Blick, eine Umarmung sagen da mehr als tausend Worte. Ähnlich ist es auch bei Jacqueline Braun, die ebenso tief in ihre Rolle einsteigt wie Greco und von dort aus zu einer Leistung hochfährt, die einen nicht loslässt.
„a summer rose in winter“ erreicht mich auf Englisch mindestens genauso wie auf Deutsch. Die Sprache, die dieses „intimate musical“ spricht, ist eine, die jeder versteht und genau das ist das Besondere an diesem Stück. Es spricht Gefühle an, die uns alle verbinden – egal von wo wir kommen, oder wer wir sind undgenau dieses „Verbinden“ der Menschen ist die Stärke dieses Musicals. Das Reading hat mich von allen Performances, die ich bereits von diesem Stück gesehen habe, am allermeisten berührt. Zu einem wesentlichen Teil dank der Darsteller, allen voran Greco, und aufgrund der Intimität der Location und der Fokussierung auf das Wesentliche. Es gibt keine erhöhte Bühne, sondern nur Menschen, die tief in ihre Charaktere schlüpfen ohne dabei sich selbst zu verlieren, und die Menschen im Publikum. Im Kaisersaal der Klaviergalerie war gestern Nachmittag etwas Magisches zu spüren. Ich wünsche „a summer rose in winter“ und dem Team dahinter den Erfolg, den es sich verdient hat und dass die nächsten Schritte – wie z.B. ein Reading in London – erreicht werden und gelingen.

"a summer rose in winter":
Musik: Rory Six
Liedtexte: Kai Hüsgen
Buch: Kai Hüsgen und Rory Six
English Translation: David Nando, Rory Six
Zusätzliche Texte: Elen de Clercq
Notiz:  Nach einer erneuten Glanzleistung von Riccardo Greco, kann man gespannt sein, was einen beim  Musicalsommer Amstetten dieses Jahr erwartet. Nach einer enttäuschenden Inszenierung in Baden, hatte ich „Xanadu“ bereits abgeschrieben, aber vielleicht gebe ich dem Musical in dieser Besetzung doch noch eine Chance. Aber das Beste: Greco tritt im August bei MusicalUnplugged 7 auf und tja, das kann nur eines werden: GENIAL!

Links:

- "Ein Leben ohne dich" - Workshop Präsentation
- "Wenn Rosenblätter fallen" - Theater Akzent
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...