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Mittwoch, 30. September 2015

Premiere: Marry Me a Little - Theater Drachengasse // vienna theatre project

Der Funke von „Marry Me a Little“ ist zu mir nicht übergesprungen. Es hat mir für das, was es ist, zu wenig Tiefgang und um pure Unterhaltung zu sein, ist es mir zu wenig unterhaltsam. Es könnte doch aber mehr sein, die Ausgangsidee ist ja eine sehr reizvolle, eine, aus der man etwas Herausholen hätte können. Das vienna theatre project hat sich genau das zum Ziel gesetzt und möchte die Geschichte etwas weiterschreiben. Was passiert, wenn man versetzt wird und sich an einem Samstag Abend mit einem selbst auseinandersetzen muss, während man über Verflossene, neue Lieben, Erwartungen, Sehnsüchte und Beziehung nachdenkt? Eine interessante Frage. Eine Frage, die viel dramatisches Potenzial hätte, doch reichen mir Stephen Sondheims Songs da nicht aus.

Joanna Godwin-Seidl hat eine gute Inszenierung abgeliefert, aber auch sie kann für mich den Funken nicht zum Überspringen bewegen. In manchen Momenten beginnt es zu knistern, aber dann verliert sich das Stück wieder.  Ich liebe das vienna theatre project sehr – so muss Theater gemacht werden. Doch leider ist diese Produktion nicht so mitreißend, wie es schon so viele andere zuvor waren. Die Stückauswahl hat mich überrascht und auch wenn es sich um eine gute Inszenierung handelt, so scheitert sie am Stück selbst, das aus meiner Sicht einfach nur als „passabel“ zu bezeichnen ist.

Der Star des Abends ist das Bühnenbild. Richard Panzenböck hat dabei tolle Arbeit geleistet. Es ist so fantasievoll wie funktional und lässt viel Spielraum für die Regie. Godwin-Seidl nützt es für liebevolle Details und Twists, lässt Momente aus dem Bühnenbild entstehen, die mehr Tiefgang haben als sonst etwas. Die Farben Blau und Gelb stehen für „He“ und „She“ und lassen somit Verbindungen und Trennungen entstehen, verschmelzen und bilden Kontraste – eine wunderschöne Spielerei für das Auge und das Herz. Die blauen Blumen in der gelben Vase, das vergangene Märchen auf dem gelben Zettel zwischen blauen Pokalen,...

Jacqueline Braun und Tim Hüning sind SIE und ER, die alleine und manchmal doch irgendwie zusammen über die Liebe sinnieren. Beide bringen viel Charme in die Rollen, vor allem Braun bezieht mich als Zuschauer schnell in das Geschehen mit ein. Schwerelos spielt und singt sie mit viel Gefühl. Hüning gewinnt durch seine Ausstrahlung, doch kann er stimmlich nicht so ganz mithalten. Singt er in die entgegengesetzte Richtung versteht man leider kein einziges Wort und gerade das wäre so wichtig bei Sondheim. Im Theater Drachengasse muss nicht verstärkt werden und ich mag das – es fühlt sich direkter und purer an. In diesem Fall jedoch stellt die fehlende Verständlichkeit ein Hindernis dar, denn der Zuschauer muss sich anstrengen, um etwas von dem Gesungenen mitzubekommen. Schade. Jacqueline Braun tut sich mit ihrem kräftigen Organ einfacher. Ihre Leichtigkeit ist bemerkenswert.


„Marry Me a Little“ ist nicht ganz „my cup of tea“, aber dennoch ist der Abend kurzweilig und schon alleine deshalb einen Besuch wert, um das vienna theatre project zu unterstützen und den idealen Einsatz eines äußerst gelungenen Bühnenbildes zu bewundern.


"Marry Me a Little" läuft bis 10. Oktober 2015 im Theater Drachengasse.

Weitere Informationen und Karten gibt es hier:

Montag, 14. September 2015

Mozart! - Ein Preview-Review.

Verpönt hin oder her. Eine Preview zu rezensieren wird nicht gerne gesehen, aber warum eigentlich? Ich habe eine Vorstellung gesehen, ich weiß, dass noch daran gearbeitet wird (hoffentlich), ich tue meine Meinung kund, denn

Erstens: hab ich für diese Vorstellung bezahlt.
Zweitens: ist Feedback laut Intendanz erwünscht.
Drittens: ist hier Platz dafür.
Viertens: will ich etwas loswerden und
Fünftens: muss es ja keiner lesen.

„Mozart!“ ist also „back in town“. Grundsätzlich ist diese Entscheidung der Vereinigten Bühnen eine, die in mir einen Zwiespalt erzeugt. Wieder eine Produktion, die nach einigen Jahren und Welterfolg „heimkehrt“. In einer „neuen Fassung“. Gut, also wenn ich jetzt in mich gehe, dann gibt es da mehrere Wortmeldungen: Wenigstens nicht wieder etwas Eingekauftes und eins-zu-eins Nachproduziertes. Wenigstens eine Eigenproduktion. Warum wieder etwas „aufwärmen“, wo ist das Neue? Von mir aus die Hits an den großen Häusern, wenn wenigstens irgendwo irgendetwas Kreatives, Kleines, Experimentelles, Neues ausprobiert würde – auf der Probebühne zum Beispiel. Warum geht das nicht? Warum sehen sich die VBW nicht dafür verantwortlich das Genre aufzuwerten und seine Vielfalt zu präsentieren?
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass ich mich mit dem „Wenigstens“ begnügen muss, um mich selbst bei Laune zu halten und nicht einer Musical-Depression zu verfallen.
Aber dieses „Wenigstens“ scheitert leider auch. Es scheitert an dieser „Neufassung“ von Mozart!, die ich nur als eigenständiges Gebilde kritisieren kann, da ich die Uraufführungs-Version damals nicht gesehen habe.

Gestern also – und es sei noch einmal dazu gesagt, dass es sich um eine Preview handelt – habe ich Mozart! zum ersten Mal nach der konzertanten Aufführung 2006 gesehen. Levay und Kunze haben hier ein Musical geschrieben, das dramatisch und psychologisch interessant ist, das Mozart als Mensch zeigt, mit Fehlern und Genius, Kindlichkeit und Hitzköpfigkeit und dem Zwiespalt des Künstler-Daseins. Genial. Die Umsetzung von Harry Kupfer ist jedoch enttäuschend. Wenn ein Regisseur einen Stil hat ist das nicht verwerflich, doch wenn er sich selbst kopiert schon. Und das tut Kupfer. Mozart! ähnelt der neuen Fassung von „Elisabeth“ gar sehr. Bühnenbild-Projektionen, Choreographie von Dennis Callahan...irgendwie unkreativ, weil zu ähnlich. Unabhängig davon sind die Projektionen gelungen – nein, das widerspricht sich nicht. Es sind nur viel zu viele. Das Publikum braucht keinen ständigen Wechsel, es hat Vorstellungskraft, die es benützen möchte. Ich brauche kein extra Bild für „Irgendwo wir immer getanzt“, ich kann mir den Saustall vorstellen. Der schnelle und unnötige Wechsel ist hektisch und hilft auch nicht darüber hinweg, dass die Szenen nicht nahtlos ineinander übergehen. Der erste Akt wirkt noch wie eine holprige Aneinanderreihung von Szenen, die Übergänge sind wenig „smooth“ und die Handlung kommt dadurch kaum in Schwung. Die Zeit vergeht nicht und mein Interesse schrumpft. Und die Darsteller sind gefangen in dieser Falle, sie spielen dagegen an, doch was bleibt ist ihre Einzelleistung und weniger die Geschichte und das „zwischenmenschliche“, gemeinsame Spielen.
Das ist sehr schade, denn Oedo Kuipers ist ein wunderbarer Mozart. Er spielt mit ganzer Seele. Sein Einsatz ist unglaublich und zeigt die innere Zerrissenheit und den Drang des Genies, die Unermüdlichkeit des Künstlers. Bis ins Blut geht diese Performance. Thomas Borchert macht sein Ding. Er ist – wie immer – unerschütterlich und souverän. Barbara Obermeier ist eine herzerwärmende Nannerl – „Der Prinz ist fort“, eine Nummer, die ich eigentlich nicht leiden kann, gelingt ihr sehr gefühlvoll und wird zu einer Szene, die das Stück zu diesem Zeitpunkt so dringend braucht. Auch Franziska Schuster als Constanze spielt ihren Part sehr würdig und glaubhaft.
Mark Seibert lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, egal ob von Orchester (viel zu laut, es wirkt so angestrengt) oder Regie (wie lächerlich ist die Kutschenfahrt-Szene), er macht sein Ding und liefert. Johannes Glück als Schikaneder beglückt mit wohltuendem Wienerisch im Ohr, allerdings sind seine Auftritte immer schlecht getimt. Jon Geoffrey Goldsworthy als Graf Arco ist eigentlich ein guter Typ, doch ich habe kaum etwas verstanden.
Ana Milva Gomes – schön. Einfach nur schön. Und da ist auch die Regie zu loben (ebenso wie beim Einsatz der Stühle - das funktioniert bestens!), die Bühne für ihre Szenen in Blau zu färben ist eine gute Idee und die Baronin hält somit wenigstens einige der Szenen gut zusammen. Gomes ist ideal besetzt – auch wenn ich zugegeben etwas skeptisch war.

Es ist noch einiges zu überdenken, wie ich meine, und es wird noch gearbeitet. Eine gute Woche ist noch Zeit, um ein bisschen mehr Liebe und Geschmeidigkeit hineinzubringen. Einige Szenen müssen fließender werden, andere würde ich komplett überdenken.
Die Kutschenfahrt von Arco und Colloredo – soll das lustig sein? Kommt nicht rüber. Sind zwei Liebesduette in so kurzem Abstand wirklich notwendig, auch wenn beide gelungen und nett sind (die Ringelspielfahrt ist eine tolle Idee). Mir ist der „Rote Rock“ abgegangen und „Jeder Abschied ist der Anfang einer Reise“, die beiden Songs erzählen etwas, im Gegensatz dazu hätte ich lieber die Prater-Szene gekürzt. „Ich bin extraordinär“ finde ich schlecht. Die E-Gitarre mag eine gute Idee sein, wirkt jedoch im Moment so nicht. Die Weber’schen präsentieren sich äußerst nervend, was ja so sein soll, mich nervt aber vor allem das Hippie-Mobil. Man kann es auch wirklich übertreiben. Das ist „the easy way out“ wenn es um Kreativität geht. 

Die konzertante Aufführung 2006 hat überzeugt, auf allen Ebenen, denn sie hat sich auf das Wesentliche konzentriert und dabei die Charaktere und die Geschichte(n) wunderbar herausgearbeitet. Das Publikum wurde durch nichts abgelenkt, sondern die Musik und die Darsteller haben etwas Geschaffen, das lang in Erinnerung blieb. Etwas mehr von diesem „Wesentlichen“, „Menschlichen“ geht dieser Neufassung noch ab.

Ich werde es mir sicher noch einmal ansehen, schon alleine wegen Kuipers. Jetzt warte ich jedenfalls ein paar Monate und hoffe, dass sich die Produktion etwas mehr einspielt. Wer weiß, wie sie dann wirkt und ich bin gerne bereit das ein oder andere zu revidieren.


P.S.: Paradox ist auch, dass das Publikum beim Schlussapplaus zu "Hier in Wien - wo man vor einem Messerstich in deinen Rücken die Hände dir küsst - mitklatschen darf. 








Samstag, 27. Juni 2015

Bachelor-Show 2015 - Musikalisches Unterhaltungstheater - Konservatorium Wien

Schreiben oder nicht Schreiben? Das ist die Frage, die ich mir in Bezug auf diesen Blog nun ab und an stelle. Hier tut sich nicht viel seit einigen Monaten, es muss ja auch nicht. Hier, und das war mir von Anfang an klar, schreibe ich, wenn ich Lust dazu habe. Lust zum Reflektieren über Gesehenes, Erlebtes. Lust, dieses Reflektierte nach Außen zu bringen, denn erst im geschriebenen Wort wird mir es oft erst möglich meine Gedanken konkret zu fassen. Wenn es ein paar Leser gibt, umso Schöner.
Die Bachelor-Show des KONS ist eines meiner Highlights des Jahres. Ich liebe die Vielfalt des Genres, die hier präsentiert wird, die Individualität der Studenten, die hier zum Ausdruck kommen darf. 
Künstlerische Differenzen, Krankheit, Engagements - nicht alle waren diesen Juni bereit ihre Ausbildung abzuschließen. Eine magere Ausbeute also auf den ersten Blick, doch im Oktober darf dann hoffentlich auch der Rest ran. 
Die kürzeste Bachelor-Show aller Zeiten. Nichtsdestotrotz nicht weniger unterhaltsam.
Die Überraschung des Abends? Rafael Albert. Ich glaube sagen zu können, dass er die stärkste Entwicklung durchgemacht hat, die ich über die Jahre als Zuschauerin mitverfolgen konnte. Sein zusammengestelltes Programm „Failisabeth“ ist ein Potpourri der Vielfalt aufgehängt an einer cleveren Idee (Rafael Albert und Glenna Weber): Du spielst die Hauptrolle. Erste Szene, du auf der Bühne, doch kein Ensemble. Niemand da. Alleine. Kein Ausweg. Du kannst nicht fliehen. Du wirst auf dich selbst zurückgeworfen. Zeit der Reflexion. Zeit der schmerzlichen Auseinandersetzung mit dir selbst. In Rafael Alberts Fall ist es Luigi Lucheni der alleine bleibt. Und Rafael Albert in seiner Rolle und von der Rolle. Klug gewoben ist das Konzept seines Programms. Es zeigt alles, was ich mir von so einem Bachelor-Showblock erwarte. Humor, aber auch Ernsthaftigkeit. Wahrhaftigkeit im Spiel, Freude am Darstellen, vielfältige Songauswahl, ehrlich performt. Rafael Albert stellt sich der Herausforderung seines eigenen Ichs. Die Konfrontation ist von äußerem und innerem Druck, vor allem den Beruf des Musicaldarstellers betreffend, geprägt, geht aber auch darüber hinaus. Eine gelungene Leistung. Hut ab!

Die nächste auf dem Programm: Ruth Hausensteiner. Grundsätzlich eine gute Ausgangsidee. Psychiatrie bzw. psychologische Beratung eignet sich immer gut, um interessante Menschen-Geschichten zu erzählen.  Bei Hausensteiner wird es zu einer verzweifelten Suche nach der Liebe, wobei mir die Verzweiflung leider etwas zu kurz kommt. Das Potential hat sie, doch leider gestaltet sich ihr Showblock etwas eintönig. Zu wenig Variation für meinen Geschmack. Irgendwann, irgendwie möchte ich innerlich bewegt werden. Die Comedy-Ebene ist wichtig, klar, aber ich brauche Tiefgang, um die Person greifen zu können. Diese Tiefe kommt für mich nur einmal sehr kurz zum Vorschein – bei „Die Rinnsteinprinzessin“ zeigt Hausensteiner einen Ansatz, den ich bei diesem Lied oftmals vermisse. Der Zwiespalt eines hart-weichen Herzens, zwischen Sehnsucht und Verletzung, Hoffnung und Bitterkeit.
Schade, dass es davon nicht noch ein bisschen mehr zu spüren gab.
Zusätzlich stehlen ihr Nathanaele Koll und Florian Sebastian in zwei ihrer Nummern die Show. Koll als narzisstischer Prinz. Genial! Was bitte kann er nicht darstellen? Er füllt jede Rolle aus und spielt mit solcher Leidenschaft, dass man selbst kaum glaubt, was man da gerade sieht. Auf den Punkt.
Florian Sebastian – Dialekt ist sein Ding. Das kommt bei ihm so hundertprozentig rüber, dass mir das Herz aufgeht.
Bei Ruth Hausensteiner sprechen wir dennoch von einem sehr hohen Niveau. Ihr Programm hat sich da nur vielleicht etwas in den Weg gestellt.
Ein ähnliches Gefühl habe ich bei Niklas-Sven Kerck.
Sein Programm ist ebenfalls durch Monologe verbunden, etwas mehr Zusammenhang wäre aber vielleicht doch noch netter gewesen.
Auf der Bühne wirkt er sehr sympathisch, er ist ein ganz eigener Typ. Das ist sein großer Vorteil. Er verliert sich nicht auf der Bühne, sondern nutzt seine Individualität. Ich glaube trotzdem, dass noch etwas mehr drinnen gewesen wäre...

Tja, und dann kam Kimberly F. Reidl. Was für eine Bühnengewalt. Sie hat ihren Showblock sehr raffiniert für sich genutzt. Nach Sigmund Freud spaltet sie sich in drei Persönlichkeiten auf und lässt sie die Kons-Aufnahmeprüfung bestreiten. Lustig, selbst-reflexiv mit ernsten Untertönen. Für mich war es ziemlich perfekt. Erhard Pauer unterstützt mit Stimme aus dem Off das Programm und Kaj Louis Lucke als Audition-Assistenz trifft den Nagel noch auf den Kopf – seine kleinen Auftritte samt Outfit sind ein Erlebnis für sich. In einem letzten Vocal Medley wechselt Reidl zwischen ihren Persönlichkeiten so schnell hin und her, dass man sich bemühen muss mitzuhalten. Pure Unterhaltung. Abschließend noch die notwendige Zurschaustellung der tänzerischen Fähigkeiten – Reidl ist ein Triple-Threat, keine Frage. Zumindest zeigt sie das in diesem auf ihre Persönlichkeit zugeschnittenen Programm.


Das Opening aus Jason Robert Brown’s „Songs For A New World“ vereint die vier ein letztes Mal gemeinsam auf der Bühne. Ein gefühlvoller Abschluss, wenn auch nicht ganz so emotional wie manche Jahrgänge zuvor. Das lag aber höchstwahrscheinlich daran, dass sie eben nicht alle waren. Schon ein wenig schade, dass sich der vierte Jahrgang dieses Jahr nicht vereint präsentieren konnte.

Freitag, 26. September 2014

[title of show] - Vienna Theatre Project - Theater Drachengasse


The Vienna Theatre Project has done it again. Off-Broadway-Musical in Wien – die Drachengasse ist der Ort dafür. Mit [title of show] (Music & Lyrics: Jeff Bowen, Book: Hunter Bell) kommen Musicalliebhaber wieder einmal voll auf ihre Kosten. Nicht nur weil es endlich wieder relativ neues Material zu sehen und hören gibt, sondern weil die Show eine Hommage an das Genre ist und beweist, dass so viel musicalisches „Unbekannteres“ da draußen herumschwirrt und nur darauf wartet inszeniert und gesehen zu werden. Dann gibt es einige wenige – doch Gott sei Dank immer mehr – Mutige, die es einfach wagen diesen Schritt zu gehen.
Dass [title of show] seinen Weg nach Österreich gefunden hat ist einfach wunderbar. Es ist ein Musical, das mir schon vor längerer Zeit ans Herz gewachsen ist. Einfach und anders und in seiner Einfachheit doch komplex und vielschichtig. Es macht Spaß, ist mal abstrus, mal verwirrend, doch immer herzlich und zutiefst menschlich. Der Grundstock einer guten Komödie sind die darunterliegenden tragischen Elemente, die meiner Meinung nach nicht zu kurz kommen dürfen, um alles Andere und Lustige erst zu ermöglichen. Joanna Godwin-Seidls Inszenierung ist nicht nur in dieser Hinsicht gelungen.

Die Premiere hatte ihre Anfangsschwierigkeiten, da die ersten Nummern leider wenig energetisch aufgeladen waren und so den Einstieg etwas erschwert haben. Doch langsam findet sich das Publikum im Stück wieder, was vor allem daran liegt, dass sich die Schauspieler immer mehr ihrer Spiellaune hingeben und dann einfach entstehen lassen. Wenn diese Ensemble-Dynamik ihren Weg findet, dann entsteht gute Energie, die sich sofort auf den gesamten Theaterraum überträgt, ihn erfüllt und den Zuschauer auf die Reise mitnimmt. Das Zusammenspiel der vier Darsteller gewinnt immer mehr an Leichtigkeit und macht [title of show] zu einem Theaterabend, den man nicht versäumen sollte.
Lynsey Thurgar als Susan. Eine Überraschung. Kennt man das Original Cast Album ist es zunächst vielleicht schwierig Susan Blackwells Charakterstimme aus dem Kopf zu bekommen, doch Thurgar bleibt standhaft und kreiert ihre eigene Susan. Thurgar beweist sich als eine Meisterin des comic timing und des trockenen Humors. Alles ist auf den Punkt und ihr „Die Vampire, Die!“ ist ein Highlight. Ebenso wie das vorhergehende Duett mit Nazide Aylin (Heidi). „What kind of girl is she“ – diese Nummer ist erschreckend ehrlich. Den Frauen im Publikum wird gewissermaßen der Spiegel vorgehalten, doch auf so unterhaltsame Weise, dass man sich zwar sich über sich selbst zu wundern beginnt, sich jedoch köstlich dabei amüsiert. Aylins Solo „A way back to then“ klingt anders als die restlichen Songs der Show, doch gewinnt dadurch an Tiefe. Ihre schöne Stimme findet in diesem Song eine wunderbare Möglichkeit der Entfaltung. Überhaupt bietet das letzte Drittel des Musicals eine interessante Wendung. Wo anfangs noch über das kreative Schaffen genörgelt und gewitzt wird, schlägt die Stimmung um und der Mensch steht sich auf andere Weisen im Wege. Die Luft ist raus und auch als Zuschauer muss man sich ebenfalls kurz fangen, um dann langsam in das Finale einzusteigen. Die Zeit wird schneller vorgespult und alles kumuliert bevor das Musical in einer Rückbesinnung auf das Anfängliche und Wesentliche endet. Ein schöngespannter Bogen, wie das Leben ihn spielt. Und das Beste: [title of show] lässt sich eben nicht von „Air Freshener“-Vampiren beißen, sondern ist gerade heraus – bad language inklusive und en masse. Herrlich!

Die männlichen Protagonisten werden von Alan Burgon und Oliver Watton gespielt, die [title of show] bis zum Schluss gut gemeinsam tragen. „Two Nobodies in New York“ fehlt leider die nötige Schärfe, aber langsam finden sich die beiden Darsteller in ihre Rollen ein. [title of show] ist der Inbegriff eines Ensemble-Musicals und das schließt auch Musical Director Birgit Zach ein, die sich ebenfalls schauspielerisch in das Gefüge einbringt – und zwar in jeder Minute. Keiner der vier (bzw. fünf) Darsteller hat viel Zeit sich auszuruhen, das Stück ist deswegen immer in Bewegung. Das Publikum hat ebenfalls – es gibt keine Pause – keine Möglichkeit sich zurückzuziehen oder durchzuatmen. Die Intensität des Stückes ist dadurch sehr hoch und man selbst beim Verlassen des Theatersaals aufgeladen – und zwar mit einer ganzen Palette an Gefühlen. Ein unterhaltsamer, menschlicher Abend mit mitreißender Musik.
[title of show] noch bis 11. Oktober im Theater Drachengasse.

Mittwoch, 18. September 2013

Vorpremiere: Sweeney Todd - Volksoper


Der Frage, ob man überhaupt Vorpremieren rezensieren darf oder nicht, möchte ich mich hier nicht stellen. Doch da die Vorpremiere von „Sweeney Todd“  an der Volksoper im freien Verkauf war, also dem „Normalpublikum“ zugänglich, und ich meine Gedanken zu dieser Inszenierung auch zugänglich machen möchte, habe ich beschlossen, ein paar Worte darüber zu verlieren.
Grundsätzlich ist der Volksoper ein Lob auszusprechen, dass sie sich endlich Stephen Sondheim annimmt und dann auch noch den „dämonischen“ Barbier auf den Spielplan setzt. Mutig finde ich das durchaus und meine: Nur weiter so! Mit Matthias Davids wurde auch ein Regisseur gefunden, der etwas auf dem Kasten hat – wie man zuletzt in Linz bei der grandiosen Inszenierung von „Die Hexen von Eastwick“ sehen konnte. So und jetzt kommen wir auch schon zur Besetzung, dem eigentlichen Problem, das sich bereits im Vorfeld abgezeichnet hat und sich für mich letztlich auch bei der Vorpremiere bestätigt hat…

Ja, es ist verständlich bei fünf Musicalproduktionen in der gesamten Saison (beachtlich!) muss man als großes Theater- bzw. Opernhaus auf das Budget achten. Leider muss man anscheinend da ansetzen, wo man – meiner Meinung nach – auf keinen Fall ansetzen dürfte. Um nicht zu überziehen besetzt man aus den eigenen Reihen. Dann denkt man sich, dass man Sondheim und vor allem „Sweeney Todd“ mit Opernsängern besetzen kann, weil es ja perfekt passt. Aber nein. Es passt eben nicht perfekt. In der September-Ausgabe der „Bühne“ ein Zitat des Direktors Robert Meyer:

„In der Regel werden Musicals mit musikalisch begabten Darstellern besetzt, die auch singen können. Aber hier hört sich der Spaß auf! In diesem Fall wäre dies tollkühn. Hier trifft man – in dem Genre selten! – mit Opernsänger die richtige Wahl.“
Nein. Eben nicht. Und warum? Allererstens weil - und das kann man zwar nicht auf alle, aber doch auf einen Großteil anwenden – Opernsänger nicht schauspielen können, oder sagen wir es so, mit ihrem Schauspiel oft nur an der Oberfläche kratzen und nicht aus sich heraus spielen. „Sweeney Todd“ ist eines der Musicals, das in erster Linie gute Schauspieler braucht, um seine Genialität zu entfalten; natürlich mit der Voraussetzung Sondheims komplexe Partitur auch singen zu können. Zugegeben, die Volksoper macht in dieser Besetzungsriege nicht viele Fehler, aber die wenigen sind fatal. Anita Götz als Johanna und Alexander Pinderak als Anthony Hope sind ihren Rollen nicht gewachsen. Sie wirken alt, langweilig, oberflächlich. Götz‘ Johanna ist eine blonde Tussi, die nicht viel im Hirn hat und an deren Schicksal und Zukunft ich als Zuschauer kein Interesse hatte. Sie war mir egal. Ebenso Anthony Hope. Pinderaks „Johanna“ ist ganz gut gesungen, aber leider ist da nicht viel dahinter. Gerne denke ich an Stefan Bischoffs Solo am Stadttheater Klagenfurt zurück oder auch an die West End-Inszenierung bei der Luke Brady die Herzen des Publikums angerührt hat. Götz und Pinderaks Rollengestaltungen bleiben jedoch so an der Oberfläche, das sie nicht ergreifen. Sie erreichen mich nicht und dadurch geht viel verloren. Es sind ja nicht irgendwelche Nebenrollen, im Gegenteil. Doch auch Patricia Nessy, die vom Musical kommt, enttäuscht als Bettlerin. Auch hier springt nichts über, zu einstudiert klingen die wirren Rufe und schnellen Stimmungsschwankungen. Morten Frank Larsen – auch er von der Oper – spielt Sweeney Todd annehmend und ist der Rolle durchaus gewachsen. Hier stellt sich jedoch eine andere Frage, die aber wahrscheinlich auf die Regie zurückzuführen ist – Todd entwickelt sich nicht. Gerade die Kurve, die der Protagonist in diesem Stück zu spielen hat, ist das Spannende. Verbittert kommt Todd aus seiner Verbannung zurück nach London und langsam beginnt hier der Racheplan zu entstehen, bis er dann in einem überbordenden, unkontrollierten Akt endet. Doch es ist eine Entwicklung, ein innerer Kampf, den Todd hier durchmacht. Larsen beginnt jedoch bereits mit einer sehr offenen Wut, was zur Folge hat, dass die Entwicklung keinen Platz mehr hat, weil deren „Ziel“ schon viel zu Nahe ist. Trotzdem macht er seine Sache größtenteils gut.

Dagmar Hellberg und Tom Schimon sind die eigentlichen Highlights. Auch Robert Meyer überzeugt als Richter Turpin – er kommt vom Schauspiel und das ist sein großer Vorteil. Schimon spielt und singt Tobias so wie es sein soll und Hellberg liegt die Mrs. Lovett sowieso. Es ist schon fast ihre Paraderolle und der Anker dieser Inszenierung. Sie definiert Musical bzw. Musiktheater eben als „Schauspiel, bei dem man ‚zufällig‘ singt“ (Musicals. Das Muscialmagazin. August/September 2013, S. 45). Das ist der entscheidende Unterschied.
Die österreichische Presse überschlägt sich fast mit Lobeshymnen – selten wenn es ums Musical geht. Ja, es ist ein tolles Stück. Von vorne bis hinten. Die „Sweeney Todd“-Inszenierung an der Volksoper bleibt doch hinter meinen Erwartungen zurück – gerade weil einige Charaktere so viel mehr hergeben würden, als hier gezeigt. Es ist schade zuzusehen, wie wichtige Teile des Stücks verloren gehen, weil die Schauspielleistung einfach nicht ausreicht oder gar vollkommen fehlt. Pluspunkte für den Spezialeffekt „Blut-aus-Kehlen-spritzen“, das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau und das grandiose Orchester der Volksoper unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz gibt es aber auch.

Mittwoch, 21. August 2013

Musical Unplugged 7 - Solo Special


Ganz ehrlich? Ich weiß nicht was ich schreiben soll. Wie soll ich all die Emotionen, die ich vom gestrigen Abend mitgenommen habe hier in Worte fassen? Es scheint für mich so unmöglich und doch gäbe es so einiges zu sagen, also muss ich versuchen mit Worten dem gerecht zu werden, was das Musical Unplugged 7 – Solo Special gestern war und eben heute noch ist, weil dieser Abend es nicht nur schafft den Zuschauer so im Moment zu erreichen, sondern auch gleichzeitig vorzugreifen und ihn nicht mehr loslässt. Warum das so ist oder warum das bei mir so ist, führe ich darauf zurück, das dieses Konzert, sowie auch schon einige Musical Unplugged Gigs zuvor, Gefühle hervorruft, die einen wieder auf den „richtigen Weg“ bringen. Keine Ahnung, ob man das so ausdrücken kann, aber an diesem Abend – und eben auch jetzt noch – fühle ich mich „erreicht“. Ich fühle mich verstanden. Ich fühle mich als Mensch akzeptiert, so wie ich bin und weiß gleichzeitig auch wieder was ich im Leben will. Sind das nicht die schönsten Gefühle? Ich glaube schon. Ja, und das Musical Unplugged – Solo Special vermochte genau diese zu erzeugen. Wie? Tja, also da wäre zunächst die Besetzung, die kaum genialer sein könnte. Organisator Florian Schützenhofers „Geniestreich“ setzt sich aus Menschen zusammen, die nicht nur so wahnsinnig gut singen können, sondern eben auch Menschen mit Fehlern, Menschen zum „Angreifen“ sind. Ihnen allen ist gemein, dass sie es schaffen, authentisch zu sein. Authentisch in ihren Performances, in ihrem Auftreten, in ihrem „Sein“ auf der Bühne. Das heißt auch, dass es „Unperfektheiten“ gibt. Diese Texthänger, das „Teasen“ auf der Bühne, das Gemurmel in die Mikros (mal verständlich, mal unverständlich) machen den Abend erst „perfekt“. Perfekt, weil unperfekt eben.
Die Künstler auf der Bühne bilden eine eingeschworene Einheit. Auch die Musical Unplugged-„Neulinge“ Riccardo Greco und Rory Six fügen sich harmonisch ein und ergänzen die Runde mit ihren „Grenzgängen“, ihrer Authentizität, ihrer Furchtlosigkeit. Diese zeigt sich bei Greco vor allem bei „This is the moment“. Wenn er singt gibt es nichts Anderes mehr, nur ihn, seine Geschichte, seine Emotion. Kaum einer kann einen so tief erreichen wie er, finde ich. Das ist seine ganz besondere Gabe. Man hört den Song wie zum ersten Mal. Riccardo Greco  singt ihn auf seine Art, überhaupt singt jeder an diesem Abend auf seine Weise. Schützenhofer fährt hier eine klare Linie: Er lässt den Künstlern freie Hand in ihren Interpretationen und lässt sie ihr „Ding“ durchziehen, in dem Vertrauen darauf, dass er die richtigen Leute ausgewählt hat. Diese „Linie“ schließt sich mit dem klaren Ende des Konzerts nach einer Zugabe. Es ist die richtige Entscheidung auch wenn es im ersten Moment schwerfällt sie zu akzeptieren, würde man diesen Menschen einfach gerne noch weiter zuhören.

Diese „eingeschworene Einheit“ auf der Bühne bedeutet auch, dass die Menschen auf der Bühne Spaß und Lust haben dort oben zu sein und zu singen. Wie auch in meinem allerersten Musical Unplugged Konzert ist mir gestern mehr denn je aufgefallen, dass diese spezielle „Abgeschlossenheit“ zum Publikum, die sich durch die Einheit auf der Bühne und den Performances der Sänger, die scheinbar nur für sich singen, ergibt, das Publikum auf eine Weise erreichen kann, wie sie nicht oft zustande kommt. Ganz unabhängig davon, dass hier Künstler stehen, die immer „aus sich heraus“ performen, also einen Zugang zu ihrem inneren Pool von Gefühlen schaffen, stellt Pianist Florian C. Reithner mit seinem virtuosen Spiel eine Herausforderung dar. In alter Manier verwandelt er, adaptiert, mischt und macht was er will. Wenn ein Sänger hier nicht bei sich bleibt, ist es aus. Das ist der springende Punkt. Die Künstler müssen so in sich vertrauen und so bei sich bleiben, dass sie nichts aus der Ruhe bringen kann. Und es gelingt, auch wenn ab und zu leichte Unsicherheiten sichtbar werden – sichtbare Menschlichkeit eben.
Martin Pasching machte den Anfang mit „Musik der Nacht“. Ab und zu musste er Textunsicherheiten mit einem Blick in die Noten überbrücken, doch so etwas ist egal, wenn die Performance einen spüren lässt, wie Paschings Phantom sich entfaltet. Auch wenn ich ihn vielleicht nicht auf den ersten Blick in dieser Rolle sehen würde, verspricht er mit seiner Performance mehr und ich kann mir vorstellen, dass seine Auslegung des „Phantoms“ sehr interessant sein könnte. Bei Bon Jovis „It’s my life“ gibt er alles und hängt sich hinein als gäbe es kein Morgen und deswegen hört man als Zuschauer die fehlende Rockband trotzdem.  Seine klare Stimme und seine „runde“ Art zeigen sich dann auch in „Alle Lichter“ von Ulli Bäer – das geht tief. Musical Unplugged-„Fixstern“ Jakob Semotan stürmt mit „Engel aus Kristall“ auf die Bühne – in einem fast schon unmenschlichen Tempo, aber er zieht es durch. Die Längen, die der Song sonst oft hat wurden ausgemerzt. Semotan schmeißt sich in alle seine Songs ohne Rücksicht auf Verluste hinein und macht sie zu seinen, einzig und allein bei „I dreamed a dream“ wusste ich nicht wohin er wollte – Parodie oder Ernst, Spiel oder Gefühl? Mit Luc Devens sang er „Under Pressure“, ein Song der sich beständig und völlig zu Recht im Programm hält und den die beiden so gut drauf haben, dass es so unglaublich viel Spaß macht, ihnen zuzusehen. Was bei Devens immer beeindruckt – von der Stimme mal abgesehen, für die gibt es eh keine Worte – ist seine Fähigkeit sich so von außen abzuschließen, dass man die Schutzwand um ihn fast schon sehen kann. Über die Dauer seiner Songs ist er in seiner „Kapsel“ verschwunden, seine  Augen bleiben größtenteils geschlossen und er singt einfach.

Rory Six überzeugt nicht nur mit „Die Schöne und das Biest“, sondern vor allem auch mit „Warum kannst du mich nicht lieben“ aus Mozart. Letzteres geht durch Mark und Bein. Sein Duett mit Riccardo Greco  - „Let me be your star“ aus Smash – ist ein Highlight des  Abends. Greco zeigt sich auch von seiner komödiantischen Seite.  Bei „Pharao Story“ weist er auf die Lächerlichkeit des Textes hin, während er bei „Irgendwo wird immer getanzt“ sehr überzeugend die Constance Mozart gibt. Zwischendurch gibt es „Elisabeth“ in verschiedenen Besetzungen und Kombinationen, zum Beispiel in einem „Wenn ich tanzen will“-Quartett, dessen letzte Textzeilen die Essenz des Abends widerspiegeln, da sie jeder eben „auf seine ganz besondere Art“ singt.
Reithners fantastisches Klaviersolo und „Step to far“ aus Aida sollen auch nicht unerwähnt bleiben. Eigentlich soll nichts unerwähnt bleiben, aber man muss es ja nicht übertreiben, denn wer wissen will, warum das so ist, der soll sich gefälligst heute Abend zum Amphitheater des Petronell-Carnuntum aufmachen und selbst sehen, was hier „abgeht“. Denn heute gibt es noch einmal „Musical Unplugged“ - selber schuld, wenn man hier nicht dabei ist!

Infos gibt es hier.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Bachelor-Show - Musikalisches Unterhaltungstheater - Konservatorium Wien


Die Bachelor-Show des Abschlussjahrgangs der Abteilung Musikalisches Unterhaltungstheater der Konservatorium Wien Privatuniversität gehört zu den Highlights meines Musical-Jahres und das mittlerweile schon seit einigen Jahren.
Jedes Jahr präsentieren sich junge Talente und zeigen was sie in den vier Jahren am Kons gelernt haben und was in ihnen steckt. Es ist jedes Mal ein Abend der (An-)Spannung, der Leidenschaft und vor allem der Emotionen. Dieses Jahr war es wohl auch – zumindest bei der Premiere – ein Abend des Schweißes, der einige weitere Herausforderungen mit sich brachte und vor allem von den männlichen Absolventen aufgrund der ständigen Mikropannen absolute Professionalität erforderte. Besonders Manuel Heuser hatte zu kämpfen und musste aus und in die Szenen springen, was er sich jedoch nicht groß anmerken ließ, sondern einfach reagierte. Nicht leicht hatte es sicher auch Johannes Nepomuk, der noch kurz vor seiner Abschlussnummer - dem emotionalen Höhepunkt seines Programmes – von einem Techniker ein Handmikrophon in die Hand gedrückt bekam. Hut ab – denn als wäre nichts gewesen sang Nepomuk trotzdem eines der emotionalen Highlights der gesamten Show mit einer Tiefe und Ehrlichkeit, die sehr berührte.

Johannes Nepomuk lieferte mit seinem gesamten Programm eine beeindruckende Performance ab, die nicht nur abwechslungsreich war, sondern auch einen weiten emotionalen Bogen spannen konnte. Die Zusammenstellung erwies sich als äußerst gelungen: ein schwungvoller Einstieg mit „Live in Living Color“ (Catch me if you can), eine wunderbar komische Nummer aus Wildhorns Wonderland  („One Knight“) samt allen (oder eher wenigen) „cheesy-moves“, die das Boyband-Spektrum zu bieten hat und diversen Gags von Ohrring bis übergroßer Anzug und Standmikro, ein bisschen „Smash“ und über den Einstieg „Immer nur lächeln“ (Das Land des Lächelns) zum Grönemayer-Abschluss „Ich hab dich lieb“ – ein Lied, mit dem Nepomuk trotz des Intermezzos den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Die Textkomponente bestand zum Teil aus Szenen aus Woody Allens Match Point, die eine gute dramatische Entwicklung erlaubten. Alles in allem ein perfekt zusammengesetztes Abschlussprogramm, in dem Johannes Nepomuk sein Talent beweisen konnte und deswegen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Sich so ein Programm von zwanzig Minuten auszudenken, das sämtliche Anforderungen erfüllt – sei es nun Operette und Tanz (etc.) – aber auch die individuellen Stärken herausstellt sowie vielleicht auch noch eine gewisse Bandbreite der Darstellung zeigt, stelle ich mir als sehr schwierige Aufgabe vor. Es ist meines Erachtens ein hohe Kunst in zwanzig Minuten so viel wie möglich zu zeigen und sowohl sich selbst nicht zu verlieren als auch alle Vorschriften und andere Bedenken einzuhalten. Während dieses Jahr einige Absolventen den Vogel abgeschossen haben, da sie genau diese Vorgaben sehr individuell, mit eigenem Twist, umgesetzt haben, konnten andere wiederum nicht ganz so überzeugen wie sie es in vergangenen Produktionen bereits getan haben. Alixa Kalasz ist mir noch gut aus Rent – grandios als Maureen – und Tee um Drei in Erinnerung, ihr Bachelor-Programm war etwas einseitig und vielleicht zu eng, um sich ganz entfalten zu können. Doch keine Frage, ihr Talent ist groß und Kalasz spielte, sang und tanzte souverän, überzeugen konnte sie aber vor allem in den Supporting Roles in den Programmen einiger Kollegen.
Leider auch etwas blass wirkte Manuel Walcherberger. Ich weiß nicht genau woran es lag, aber der Funke wollte nicht so ganz überspringen. Man nehme seine Darstellung in Rent – ein Collins wie man ihn sich wünscht, eine Performance, die mich nachhaltig beeindruckt hat oder auch seinen Auftritt in Tschechows Drei Schwestern letzten Sommer (Armes Theater Wien) – da konnte man sehen, was in ihm steckt. Vielleicht war es auch die Premiere, die einfach nicht so glatt gelaufen ist, denn leider konnte Walcherberger nicht alle seine Register ziehen und nur ansatzweiße sein großes Talent zeigen (wie z.B. in den „Rache“-Szenen aus „Sleuth“).

Die beiden anderen Männer im Bunde sind Manuel Heuser und Dieter Hörmann. Heuser hatte am schlimmsten mit der Technik zu kämpfen, bestand die Herausforderung jedoch bravourös. Hinein und hinaus aus der Szene – ohne Probleme, Hut ab! Sein Programm bestand aus Monologen aus Martin Heckmanns „Finnisch“, die einen roten Faden spannten und Raum für eine vielfältige Songauswahl ließen – u.a. Jonathan Reid Gealts „Quiet“, „Was hat sie nur an sich?“ (Lippas „Wild Party“) und „Feeling Good“. Erfrischend, sympathisch und perfekt auf sein Können abgestimmt. Ebenso und doch ganz anders Dieter Hörmann. Ein Unikat der Sonderklasse, dessen Programm den roten Faden roten Faden sein ließ und einfach machte. Auch das funktioniert, wenn jede einzelne Nummer so auf den Punkt gesungen und gespielt wird. Egal ob Sondheim (Nothing’s Gonna Harm You), Bernstein (Maria), Benatzky oder „Moving Too Fast“ (The Last 5 Years) mit neuem Text in „Voitrottl“-Manier. Dazwischen dann noch eine „Stumme Szene“ – passend zum Sommer, die auch nicht mit Worten beschrieben werden kann und „Auf den Flügeln des Gesanges“, ein genialer Sketch, den ich das letzte Mal bei Mark Seiberts Kons-Prüfung gesehen habe (damals mit Peter Lesiak). Eine Szene mit der Hörmann gemeinsam mit Johannes Nepomuk „abgeräumt“ hat. Überhaupt hat sich letzterer auch in den Supporting Roles nichts nehmen lassen, alles gegeben und hier noch weitere Qualitäten zu Tage befördert.
Der Preis für das kreativste Konzept geht an Tanja Petrasek, die den Leonie-Rysanek-Saal in das altbekannte „Herzblatt“-Studio umwandelte, um gleich alle drei Kandidatinnen zu spielen: die Renate mit „gewaschenem“ Dialekt aus Wien, die Susi mit S-Fehler aus St. Pölten und Katharina aus Liechtenstein, die gerne mal tschechische Art-Filme zur Entspannung schaut. Eingebettet in das Setting war u.a. Operettiges, „Mein Sinn für Stil“ (Aida) und „Männer“ (Drei Musketiere). Mit Maria Bills „I mecht so gern landen“ konnte Petrasek in einem einzigen Song zeigen, was in ihr steckt. Diese Performance ging derart ans Herz, dass man den Schmerz fast selbst spüren konnte – eine große Leistung!

Salka Weber ist ein „Triple Threat“, denn sie überzeugte auf allen drei Ebenen gleichermaßen. Ihr schauspielerisches Können kam in ihrem Programm besonders gut hervor und zusammen mit Michael Souschek spielte sie zunächst eine problematische Paarbeziehung, bevor sie sich dann den wahren Problemen dahinter in einer Gruppentherapiesitzung widmete. Gelungen zusammengesetzt mit tollen Tanz- und Gesangnummern, nur Carmens „Habanera“ zu Beginn wollte nicht so richtig. Aber das hatte man am Schluss ihrer Szene schon fast ganz vergessen. Die Monologe sprühten von natürlichem Spiel und das hat nicht losgelassen und eine ganz eigene Verbindung zum Publikum hergestellt.

Auch Franzsika Kemna konnte mit ihrem Bachelor-Programm voll und ganz überzeugen. Es schilderte die Schwierigkeiten des Künstlerdaseins sei es nun die Härte des Berufsalltags oder Beziehungsprobleme (an ihrer Seite in diversen Rollen: Adrien Papritz - großartig!) und suchte sich dann eine Fluchtmöglichkeit in einem Pakt mit dem „Teufel“ – Ruhm und Erfolg auf allen Ebenen. Auch dieses Setting ließ viel zu – von Klassiker „Maybe This Time“ und über das komische Chanson von Pigor & Eichhorn „Was willste denn in Wien?“ und Pasek & Pauls „Perfect“ (aus Edges) bis hin zur Tanznummer „Die roten Stiefel“. Ein gelungener Abschluss eines – wie immer – bunten und beeindruckenden Abends.
Etwas auffallend: ein scheinbarer – und wahrscheinlich nicht dezidiert beabsichtigter – Schwerpunkt auf Beziehung, Betrug und Sex. Irgendwie interessant, aber über Beziehungen lässt es sich ja immer gut reden...

Das i-Tüpfelchen der Bachelor-Show waren die Ensemble-Nummern, in denen sich die acht „Wegbegleiter“ noch einmal zusammen präsentieren konnten. Shreks „Freak Flag“ mit kleinem Seitenhieb auf einige Kons-Lehrende und einer großen Portion Selbstironie war definitiv ein Highlight des Abends. Mikas „Happy Ending“ war letztlich doch nicht das Ende, sondern nur die Vorstufe zum Reprise von „Freak Flag“, das ich am liebsten gleich noch ein paar Mal gesehen hätte. Herzlichen Glückwunsch an die acht Absolventen!
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