Mittwoch, 5. September 2012

Raimund Theater: Elisabeth - Vorpremiere


Lassen wir die Diskussionen über die „Rückkehr“ von Elisabeth nach Wien (war’s überhaupt weg?) und über die „Übernahme“ der Tour-Cast einmal außer Acht; versuchen wir auch darüber hinwegzusehen, dass in der gestrigen Vorpremiere irgendwie der Wurm drinnen war und widmen wir uns der „Jubiläumsfassung“ von Elisabeth einmal ohne dem allen – probieren wir es zumindest.
Elisabeth 2012“ fühlt sich an, als hätte man versucht eine alte Silberschale zu polieren, um aber dann nach all dem Putzen und Wischen festzustellen, dass einem die Silberschale angelaufen doch besser gefallen hat. Der alte Schleier, der sich über das Stück gelegt hatte, wurde nun entfernt und was zum Vorschein kommt ist gewöhnungsbedürftig.

Die Vorpremiere beginnt und von Anfang an fühlt sich irgendetwas nicht ganz richtig an, vielleicht musste ich mich auch erst einmal an die neue Location gewöhnen, denn das Raimund Theater kam mir noch nie so klein vor. Das Musical konnte und wollte sich nicht so recht entfalten, ob da allein die Größe der Bühne ausschlaggebend war, ist sehr fraglich.
Der erste Akt wirkt wie eine Nummernrevue, die Songs und Szenen erscheinen aneinandergereiht, aber nicht zusammenhängend.  Warum aber? Man sitzt im Publikum und kann es nicht ganz verstehen. Liegt es an Lucheni? Kurosch Abbasi spielt und sing gut, aber ihm fehlt der Biss, das „Einnehmende“. Luigi Lucheni ist das Verbindungsglied zum Publikum und man sollte ihn im selben Moment lieben und hassen können und ihm immer folgen wollen. In dieser Rolle muss man bereit sein zu outrieren was das Zeug hält, erst dann wird sie „griffig“. Doch gestern wollte sich das partout nicht einstellen. Abbasi wurde ständig überschattet, war nicht präsent, nicht stark genug. Vielleicht muss sich das erst einspielen bzw. er sich erst einspielen. Wie es funktionieren würde, sieht man leider erst im Schlussapplaus – zu spät.

Neben dem Gefühl hier einer Revue beizuwohnen entsteht auch das Gefühl einer Parodie. Nehmen wir z.B. „Jedem gibt er das Seine“. Sei es nun der Kardinal Erzbischof oder welcher Graf auch immer, sie alle sprechen ihre Sätze mit Ironie und ohne jeglichen Ernst. Alles wirkt wie eine Karikatur. Die Choreografie von Dennis Callahan ist aber Karikatur genug, mehr braucht es nicht. Es wirkt als hätte man die ironische Kommentarfunktion von Lucheni abgezogen und sie in unpassender Weise nach Belieben hineininszeniert. Gerade in dieser Szene wird wenig transportiert, auch wenn Daniela Ziegler und Franziskus Hartenstein alles in ihre Rollen legen.
Hartenstein ist ein sehr überzeugender Franz Joseph, der dem Kaiser viele neue Schichten verleiht und der Rolle Leben einhaucht. Er versteht es stets Balance zu halten – sei es nun zwischen Herrscher und verliebten Mann oder Sohn, Ehemann und Vater. Eine grandiose Leistung für einen so jungen Darsteller!

Auch Daniela Ziegler als Sophie überzeugt in ihren Szenen, ebenso wie Carin Filipcic, die als Herzogin Ludovika und Frau Wolf, wie gewohnt, souverän performt.
Den ersten schönen Moment findet das Musical in „Ich gehör nur mir“, in einer wunderschönen Interpretation der Hauptdarstellerin Annemieke van Dam. Hier kommt das Stück erstmals zu einem Halt und man kann für einen Moment die Kuriositäten des Anfangs vergessen.

Van Dam spielt Elisabeth mit Hingabe - nuanciert, glaubwürdig und mit viel Pathos. Eigentlich bildet Elisabeth mit Tod und Lucheni eine Art Triangel, doch in der Jubiläumsfassung steht sie alleine da und lässt die beiden anderen Gestalten hinter sich. Eine eigenartige Wendung, die durch die Darstellung von Mark Seibert als Tod noch verstärkt wird. Er spielt einen majestätischen Tod, einen erhabenen Tod mit pubertären Zügen, die ab und zu unerwartet ihren Weg nach draußen finden. Aber obwohl Seibert wie ein geborener Verführer wirkt, will sich die Anziehung zwischen ihm und Elisabeth den ganzen Theaterabend einfach nicht einstellen. Auch Annemieke van Dam spielt diese Ebene kaum an - ihre Todessehnsucht kommt nicht immer klar heraus. Erst gegen Ende des Stückes habe ich zu einer Neuinterpretation der Rolle des Todes gefunden, doch ob das intendiert war? Eher unwahrscheinlich. Eigentlich ist es ja die Grundidee des Musicals, der Kaiserin den Tod als Liebhaber gegenüberzustellen; hier aber bespielt der Tod eher seine Liebe zum Töten als die Liebe zur Kaiserin. Elisabeth nimmt keine Sonderstellung ein. Seine Eifersucht und Wut ergründen sich nur daraus, dass er nicht bekommt, was er will. Dann das Paradoxon: Zwischen Rudolf und dem Tod herrscht in „Die Schatten werden länger“ mehr erotische Spannung als zwischen Elisabeth und ihrem sog. „Liebhaber“. Hier sprühen die Funken, die man sich eigentlich woanders vorgestellt hat und die Luft elektrisiert sich, wie an keiner anderen Stelle.
Nach der Pause nimmt das Stück dann generell an Fahrt auf und findet seinen emotionalen Höhepunkt - man glaubt es kaum - in „Wenn ich dein Spiegel wär‘“. Anton Zetterholm brilliert als Rudolf. Er kommt mit einer inneren Spannung auf die Bühne, die Ihresgleichen sucht, und spielt seine Rolle mit jeder Faser seines Ichs. Das ist Schauspiel. Durch seine wunderschöne Stimme transportiert er jedes noch so kleine Gefühl und schafft es tief zu berühren.

Ich verzichte darauf auf die „Modernisierung“ mit all ihren Änderungen näher einzugehen, da soll sich jeder seine eigene Meinung bilden. Zwar trauere ich ein wenig um das Autodrom, doch ob die Todesengel nun schwarze Haare haben oder nicht ist ziemlich egal. Die neuen Kostüme (Yan Tax) gefallen, sie wirken frisch und lebendig. Bei den Projektionen hat man sich hie und da vielleicht ein wenig zu viel einfallen lassen, einiges wirkt einfach nur aus dem Prinzip „modernisiert“, dem Publikum etwas Neues zu bieten. Ein Eismeer bei Rudolfs Selbstmord in Mayerling ist – auch wenn es seiner Gefühlslage entspricht – doch etwas kurios. Die „größte“ Änderung ist vielleicht die Integration von „Kein Kommen ohne Gehen“ nach Sisis Sturz in Possenhofen. Ein schöner Song, der dem Tod die Chance gibt etwas „menschlicher“ zu wirken und auch diese Seite auszuspielen – leider war hier aber die Luft draußen und weder Lied noch Stimmung hatten Raum sich zu entfalten, zumindest gestern.
„Elisabeth“ ist trotzdem immer noch ein wirklich gutes Musical, das vor allem durch die tolle Musik von Sylvester Levay besticht. Jetzt darf man gespannt sein, was die Kritiker dazu sagen, wie sich die Inszenierung (Regie: Harry Kupfer) in den nächsten Wochen weiterentwickelt und wie die Zweitbesetzungen in ihren Rollen überzeugen. Besonders freue ich mich auf Riccardo Greco als Lucheni und Dagmar Hellberg als Sophie, aber auch Oliver Arno und Rory Six als Tod könnten interessant sein.


*Image Copyright: VBW/Brinkhoff/Mögenburg via
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- Elisabeth Vorpremiere auf Kultur-Channel

 

Dienstag, 28. August 2012

DVD: Memphis


Kaufen? Ja, unbedingt. – Warum? Kommt jetzt:
Memphis (2010 ausgezeichnet mit  4 Tony Awards) ist – für mich – eines der besten Musicals der letzten Jahre und das stand schon fest als ich zum ersten Mal die CD aufgelegt habe. Was einem da entgegendröhnt ist Spirit, Leidenschaft, Gefühl und vor allem „music of  the soul“. Man schwingt mit, schnippt mit, groovt mit, will einfach nur mittanzen und mitsingen und am besten ASAP die Show live erleben, um dieses Allround-Feeling ganz in sich aufzunehmen.

Leider spielt sich das dann aber doch nicht immer und man sitzt nicht im nächsten Flieger nach New York. So wartet man also auf eine Gelegenheit das Musical vielleicht demnächst in London zu sehen…doch dann kommt doch alles ein wenig anders als gedacht und die Produzenten entscheiden sich schon vorher für eine DVD-Veröffentlichung von „Memphis“. Ein eher ungewöhnlicher Schritt aber ein großer.
Man mag zu Theater „auf Band“ stehen wie man möchte – es ist einfach nicht möglich einen Theaterabend auf DVD zu pressen, das fängt von den Vibes des Publikums an und hört bei der Verbindung zwischen Darsteller und Zuschauer auf. Es ist nicht dasselbe, aber es kann ab und zu doch gelingen einiges festzuhalten, ohne dass es verloren geht.

Gerade bei „Memphis“ denkt man, es sei unmöglich diesen „Spirit“ der Show irgendwie und irgendwo festzumachen, doch es funktioniert auf wundersame Weise doch, denn obwohl ich die Show noch nicht live erlebt habe, hat mich die Aufzeichnung mitgerissen als würde ich im Publikum gesessen – man lacht, denn die Pointen kommen spritzig daher – nicht aufgelegt oder erwartet – im nächsten Moment weint man Tränen  der Rührung oder vor Traurigkeit oder lässt sich einfach nur von der Musik, dem Rhythm and Blues, „beseelen“.
Die Musiknummern sind meistens diegetisch, übernehmen aber oft  eine doppelte Funktion, in dem sie die Handlung vorantreiben oder Gefühle verstärken. Die Story spinnt ihren Weg immer fort, bleibt mitreißend und ergreifend, auch wenn dazwischen plötzlich abgebrochen wird und es woanders weitergeht – sowohl vom Buch (Joe DiPietro), als auch von Regie (Christopher Ashley) und Bühnentechnik genial gelöst.  

Gleich zu Beginn wird man mit dem Protagonisten Huey Calhoun (grandios: Chad Kimball) vertraut gemacht, einen Knallkopf der Sonderklasse, den man zunächst gar nicht einschätzen kann. Ist sein „Gehabe“ aufgesetzt oder ist es doch echt? Man lässt sich also darauf ein, um nach kurzer Zeit festzustellen: ja, der ist wirklich so verrückt - knausrig, genial, furchtlos, mutig, naiv – rundum „anders“.
Huey und seiner Leidenschaft – der „race“-Musik – folgt man durch Höhen und Tiefen, vom Beginn bis zum Bruch seiner Karriere, durch Black-and-White Thematiken, Alkohol- und Beziehungsprobleme und vieles andere.  Themen, die nicht nur im Memphis der 50ern vertreten sind, sondern die teilweise aktueller nicht sein könnten. Keine der angesprochenen Thematiken – sei es nun im Text oder Subtext – drängt sich auf, sondern ergibt sich einfach. Keine wird bis zum „Gehtnichtmehr“ ausgeschlachtet, sondern meist nur so viel von ihr gezeigt, dass der Zuschauer versteht und fühlt, vieles jedoch ihm selbst überlassen bleibt – ein herrliches Spiel und eine Methode die ins Mark fährt.

Dazwischen gibt es einige krasse Zeitsprünge, die die Story vorantreiben. Die Szenen gehen jedoch so smooth ineinander über, dass die Brüche keinerlei Probleme machen und man immer mitkommt und leicht folgen kann – alles bleibt nachvollziehbar.
„Memphis“ ist ein Gesamtkunstwerk, aber auch ein Musical aus „Momenten“. Momente, die einen nicht mehr loslassen, die einen so mitnehmen, dass man auch nachher noch an sie denkt. Wenn z.B. Gator  (Derrick Baskin), ein stummer Kellner, plötzlich wieder zu sprechen (und singen) beginnt, wenn Huey sich zum ersten Mal als Entertainer profiliert und damit den Vogel abschießt, wenn Huey und Felicia (einfach nur großartig: Montego Glover) sich verlieben, sie auseinanderdriften und sich schließlich wiedersehen…so vieles geht tief und bleibt als emotionale Erinnerung lange erhalten.

Es ist eine „reife“ Geschichte, die kein nullachtfünfzehn Happy End nötig hat – das Gewöhnliche lässt man hinter sich, denn es geht hier mehr als um eine klassische „Romeo und Julia“-Storyline. Es ist eine Love-Story mit der Musik, mit seiner Heimat und mit dem Leben.
Um es mit den Worten des “Memphis”-Komponisten, David Bryan (Bon Jovi), zu sagen:  “It celebrates what brings us together as people not what separates us.”


Special Features:
-          Who’s Who

-          Behind The Scenes: How Memphis Was Captured

Running Time: ca. 131 Minuten

Memphis DVD zu bestellen u.a. bei:
-          Dresscircle
-          Sound of Music
 



Links:

*Photo by Joan Marcus via



Sonntag, 12. August 2012

Titanic - Felsenbühne Staatz


Mein neues Lieblingsmusical ist „Titanic“ nicht. Die CD habe ich schon etwas länger im Regal stehen, aber wirklich oft gehört habe ich sie nicht – irgendwie greift da bei mir wenig. Die großen Ensemblenummern sind toll, wiederholen sich aber, die Schnulzsongs dazwischen, teilweise viel zu kitschig. Wie dieses Musical 1997 fünf Tony Awards (u.a. Best Musical) gewinnen konnte bleibt mir ein Rätsel!

Dennoch bin ich froh, dass ich diesen Sommer die Möglichkeit hatte „Titanic“ live in Staatz zu sehen. Das Bühnenbild ist imposant und die Felsenbühne ideal für den Schauplatz des Stücks. Sogar einen „realen“ Eisberg sieht man da vor sich.
Genau hundert Jahre nach dem schrecklichen Unglück der „unsinkbaren Stadt auf dem Meer“ ist die Geschichte immer noch tragisch und aktuell – das klar zu machen, schafft das Musical allerdings. Viel mehr nicht, aber vielleicht war genau das die einzige Intention.

Tiefgang sucht man vergebens, keiner der Charaktere hat die Chance wirklich hervorzutreten, „mehrdimensional“ zu werden. Nur die „Titanic“ selbst ist wirklicher Protagonist - sie ist Schauplatz, Hauptdarstellerin, Zentrum.
In Staatz setzt man wie eh und je auf junge Musicalstudenten und –absolventen. Hier kann man sehen, was die Zukunft bringt. In diesem Musical ist das aber leider etwas schwer, denn die Figuren lassen nicht viel Raum, allerdings müssen einige Herausforderungen bewältigt werden:  

-       Was die Menschen in diesem Musical angeht, kommt leider vieles zu kurz. Als Darsteller muss ich mit dem Wenigen arbeiten, das mir hier zur Verfügung steht und meinen Charakter in wenigen Worten, Gesten, etc. bestmöglich herausarbeiten

-        Dann kommt der Faktor der Freilichtbühne hinzu, die Zuschauer sind alle weit weg. Mimik und Ausdruck in Augen etc. hat also wenig bis keine Wirkung – heißt: ich muss alles über meine Stimme und die Bewegung erzählen.
Einige meistern diese Herausforderungen, werden aber trotzdem immer wieder vom Stück erdrückt – ich empfinde es jedenfalls so. Mir fehlt der Raum für die Charaktere, mir fehlen die Menschen. Vielleicht ist es aber einfach nur nicht „my kind of musical“.

Die Tragödie wird erzählt, dazwischen erfährt man etwas über die unterschiedlichen Passagiere der Titanic, gerade so viel um am Ende betroffen zu sein. Das gelingt auch in Staatz. Die Stage- und Toneffekte sind perfekt eingesetzt, um den Untergang des Schiffs direkt vor sich miterleben zu können. Am Ende: Lichterkreuze für die Opfer – ein wunderschönes Bild.
Wenn man sich wenigstens mehr auf die paar Charaktere konzentriert hätte, die am „zuänglichsten“ erscheinen, weil man sich mit ihnen identifizieren könnte. Ob dann die meisten anderen nur „angeschnitten“ werden, wäre dann wahrscheinlich egal. Gerade Offizier Murdoch, Funker Bride, Heizer Barrett und dritte Klasse Passagier Kate (u.a.) hätten etwas mehr „Ausarbeitung“ vertragen – das sind (für mich) die Charaktere, die mich noch mehr in die Geschichte ziehen würden.

Johannes Nepomuk, Oliver Liebl, Philipp Büttner und Caroline Zins schaffen es jedoch diese Charaktere zum Leben zu erwecken, und zwar so, dass man gerne mehr von ihnen erfahren würde – doch leider steht ihnen da das Stück selbst im Weg.
Die Lacher hat Tanja Petrasek auf ihrer Seite. Als Alice Beane, Passagierin der 2. Klasse, die sich gern unter die Reichen und Schönen mischt, oder diese zumindest mit einem Fernglas leidenschaftlich gerne beobachtet. Mit ihrem „gschaftigen“ Gang und ihrer Körpersprache positioniert sie ihre Figur gleich von Anfang an perfekt. Rupert Preißler steht ihr als Ehemann Edgar zur Seite und auch er vermag es seinen Charakter bestmöglich darzustellen. Man kauft ihm ab, dass er seine Frau sehr liebt – auch wenn sie unglaublich anstrengend ist und ihm sicher oft auf die Nerven geht. Beide harmonieren sehr gut miteinander, es ist eine Freude ihnen zuzusehen!

Michael Konicek, Manuel Heuser, Philipp Dürnberger, Steven Klopp, Alixa Kalaß, Angelina Nigischer-Traxler und Nico Schweers spielen ebenfalls mit Pathos, stoßen aber immer wieder an die Grenzen des Stücks, das einfach nicht mehr zulässt.
Auch Werner Auer als Schiffsarchitekt Andrews und C.A. Fath als Kapitän machen sich ebenfalls gut in ihren Rollen, beide sind sehr präsent.

Was leider das Gesamtbild stört – wenn man jetzt ins Detail geht: der aufgemalte six pack von Barrett (wenn schon gemalt, dann etwas naturalistischer bitte!), die Perücken der irischen Frauen – Caroline Zins, Alexandra Kloiber und Karolin Konert mussten mit roten Perücken herumlaufen, die einfach nur „aufgesetzt" und falsch wirken (nicht alle Iren haben rote Haare, da hätte man ruhig die Darstellerinnen mit ihrer natürlichen Haarpracht spielen lassen sollen) und die „schwangere“ 1. Klasse-Passagierin, die Champagner ohne Ende säuft und das Tanzbein in die Lüfte schwingt – wenn das bewusst so inszeniert wurde, kommt der Joke nicht bei mir an (da hätte mir die gezwungenermaßen trockene, beim Tanzen einfach nicht mehr mitkommende Schwangere besser gefallen – auch das kann man lustig in Szene setzen…).
Gestern war Derniere in Staatz und auch sicher wieder bis auf den letzten Platz ausverkauft. Nächstes Jahr ist „Disney’s Die Schöne und das Biest“ dran und ich freue mich darauf!

Nächsten Dienstag gibt es übrigens eine Musical-Gala auf der Felsenbühne. „Musical unter Sternen“, am 14. August, um 20 Uhr. Tickets kosten 27 Euro. Infos HIER.
*Photo by Harald Schillhammer via

Sonntag, 29. Juli 2012

A Chorus Line - Stockerau

"A Chorus Line" ist ein würdiges Ende der Musicalära in Stockerau. Es ist eines DER Musicals und deswegen gerade passend. Es erfordert Höchstleistung der Darsteller, denn es ist mehr als ein "Tanzmusical". Mit einer Handgeste wird es manchmal in die Ecke der Dancemusicals geschickt, dabei unterscheidet es sich vor allem durch die Schauspielkomponente von den anderen. Nicht umsonst hat Chorus Line einen Pulitzer Preis für das beste Drama bekommen - hier geht es eigentlich nur zweitrangig um das Tanzen, der Mittelpunkt sind die Menschen hinter der Fassade des Chorus.

Wenn es also um Menschen geht heißt das, dass man sich der Natürlichkeit in der Darstellung verpflichten sollte, eigentlich muss. Man muss einen Teil von sich selbst öffnen, denn als Darsteller in dieser Show ist man bis zu einem gewissen Grad immer auch selbst betroffen. Man sollte seine eigene Verletzlichkeit mit der Verletzlichkeit des Charakters zusammenbringen, dann gelingt das Stück in all seinen Nuancen. Dazu braucht es ein starkes Ensemble mit Tänzern, die mindestens ebenso gut schauspielen können wie tanzen...und das ist selten und deswegen stellt sich die Frage, ob denn Schauspieler, die gut tanzen können nicht die bessere Wahl wären - wenn man zur Wahl gezwungen wird, weil das "Angebot" fehlt.

In Stockerau hat man einen bunten Nationen-Mix zusammengestellt, der "echten" Chorus Line nahekommend. Das ist definitv ein Pluspunkt, bis zu den Sequenzen, wo das Publikum nicht mehr weiterkann, weil es einfach nichts versteht. Und daran ist nicht die mittelmäßige Akustik Schuld, sondern die Undeutlichkeit der Aussprache. Auch wenn ein Akzent da ist, das Publikum muss immer verstehen. Versteht es nicht, kann es nicht in die Geschichte einsteigen, es bleibt Beobachter und abgegrenzt von den Menschen auf der Bühne (da hilft gutes Aussehen auch nicht mehr weiter). Schlechte Schauspielleistung ist wieder ein anderer Faktor, der Ähnliches hervorruft. Gelingt es den Darstellern nicht, ehrlich zu spielen, dann geht die Verbindung zu den Zuschauern verloren und "A Chorus Line" tanzt an einem vorbei. Nichts mehr bleibt vom berührenden Seelenstriptease, den die Charaktere der Reihe nach vollziehen, übrig nur ein bisschen beeindruckendes Getanze und der penetrante "One"-Ohrwurm - zusammenfassend: ein Tanzmusical, das man getrost in die Ecke zu den anderen schieben kann.

"A Chorus Line" in Stockerau ist gemischtes Pflaster. Da gibt es Szenen, die fesseln, aber auch Szenen, die vorbeiziehen ohne dass man irgendwie damit in Verbindung getreten ist. Schuld daran meistens, ja, die mangelnde Schauspielleistung. Da weiß man wieder warum das Schausspiel im Musical oft belächelt wird. Leider.
Nehmen wir zum Beispiel Nina Tatzber. "Nothing" hat in sofern seinen Zweck erfüllt, dass auch ich nothing gespürt habe. Es war einfach nichts da. Eigentlich sollte Wut spürbar sein, innere Leere, Kränkung, etc. - je nach dem wie man es auslegen möchte, aber irgendetwas muss transportiert werden. Dazu kam dann auch noch stimmliche Eintönigkeit, die bei einem Song, der sowieso schon wenig Variation zulässt, noch mehr weh tut. Das rollende "r" in der letzten Passage als Rettungsanker, um die puertorikanische Diana nicht ganz zu verlieren, wirkte einfallslos und unpassend - wenn Akzent, dann durchgehend. Vielleicht war einfach zu wenig Probenzeit, um an alledem zu arbeiten, kann sein, aber leider geht mit dieser Performance ein wichtiger Teil des Stücks den Bach hinunter.

Wer sich seine Rolle gut erarbeitet hat ist u.a. Peter Knauder als Paul. Zunächst denkt man sich noch "äh?" - merkt man aber wie sehr man plötzlich in seine Geschichte hineingezogen wurde, plötzlich "ah!". Wenn man spürt, dass da eine Verbindung zwischen einem selbst und dem Charakter auf der Bühne entstanden ist, weiß man worum es in Chorus Line geht. Da sind Menschen auf der Bühne, die es lieben zu tanzen. Sie tanzen für ihr eigenes Leben und um ihr eigenes Leben, um es in die Chorus Line zu schaffen. Jeder hat seine Geschichte und zum ersten Mal bekommen sie Raum diese auch zu erzählen. Es gibt jemanden, den es interessiert, wer sie wirklich sind.
"A Chorus Line" spricht damit auch irgendwie ein Paradoxon des Theaters an. Auch wenn es immer um das Mensch-sein geht, so manch "Theatermensch" versteckt sich oft hinter Oberflächlichkeiten, bevor er etwas von sich selbst preisgibt.

Choreograph/Regisseur Zach (Alfons Haider) geht allerdings ungewohnte Wege, indem er die Tänzer bittet, etwas Persönliches von sich mit ihm zu teilen - und auch wenn es viele nicht in die achtköpfige Chorus Line schaffen, diese wenigen Stunden haben einige weitergebracht. Haider humpelte verletzungsbedingt mit Krücken über die Bühne und in den Gängen des Zuschauerraums; ab und zu schmerzverzerrt, aber nur wenn der Spot ihn gerade nicht getroffen hat. Er hat sich tapfer geschlagen! Sonst spielt er den Zach sehr human, außer wenn es um seine Verflossene Cassie geht, dann kann er auch einmal anders und man möchte ihm am liebsten an die Gurgel springen.

Sabrina Harper als Cassie ist ideal besetzt. Sie hat Ausstrahlung, sie kann schauspielen und tanzt so einnehmend, dass man bei ihrem Solo kein Auge von ihr lassen kann. Schade, dass nicht sie die Hauptstimme in "What I did for Love" gesungen hat - diese Freiheit hätte man sich vielleicht herausnehmen können.

Hervorzuheben sind auch Martin Niedermair und Morten Daugaard. Beide beeindrucken in ihren - wenn auch kleineren - Rollen und zeigen wie man gekonnt eine Beziehung zum Publikum herstellt. Aber auch Bettina Mönch und Ines Hengl-Pirker enttäuschen nicht. Sophia Gorgi überzeugt, wie auch schon in "Leben ohne Chris", mit ihrer angenehmen Stimme und starken Ausdruckskraft!

Regie führte Original Cast Member Mitzi Hamilton. Bemerkenswert wie lange schon auf der Bühne agiert wird und das Publikum einfach immer noch nicht begriffen hat, dass da etwas passiert. Dafür klatscht es immer wieder fleißig, auch ab und zu unpassend, Szenenapplaus. Ein ganz besonderer Moment entsteht, wenn Tänzer Paul sich verletzt und ins Krankenhaus muss. Die anderen bleiben betroffen zurück. Alle schweigen. Hamilton hat hier genau das richtige Maß getroffen - als Zuschauer hat man hier die Möglichkeit nur zu spüren und genau in diesem Moment merkt man, was gelungenes Schauspiel vermag, auch ohne Worte.

Kurz nach Pausenende meinte dann eine Dame hinter mir: "Gleich wird es fetziger!" - tja, eigentlich nicht so sehr, aber darum geht es in Chorus Line nicht. Bis auf "One" erzählt das Stück vor sich hin, einmal mehr und einmal weniger griffig - da kommt es nun mal wirklich darauf an, was die Darsteller auf der Bühne transportieren können. Alles in allem hat Stockerau dieses Jahr eine gute Produktion zu bieten, interessant wäre es sicher auch die Zweitbesetzungen zu erleben, wie z.B. Timo Verse als Paul. Eine kurze Reise ist es auf jeden Fall wert!

"A Chorus Line" ist noch bis 18. August, jeweils Di-Sa um 20h, in Stockerau zu sehen. Tickets und andere Informationen findet man HIER.

*Image: Ilse Lahofer via
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